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missio_ebooks_01_2013

missio magazin 1/201310 nachgefragt bei ... Herr Ziegler, bis zu einer Milliarde MenschenleidetHunger.Siesagen, das müsste nicht sein – warum? >> Zum ersten Mal in der Ge- schichte überquillt unser Planet vor Reichtum. Der World Food Report sagt, dass die weltweite Landwirt- schaft problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte. Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet. Punkt. << Fehlt es also vor allem an einer ge- rechten Verteilung der vorhande- nen Nahrungsmittel? >> Es stimmt, dass 85 Prozent aller gehandelten Nahrungsmittel kon- trolliert werden von zehn trans- kontinentalen Konzernen. Diese Konzernmogule bestimmen jeden Tag, wer isst und wer lebt, wer hun- gert und wer stirbt. Die haben eine Macht, wie sie nie ein Kaiser, nie ein König, nie ein Papst je gehabt hat. Sie entfliehen jeglicher staatlicher und sozialer Kontrolle. << Ist das nicht zu einfach gedacht: hier die hungernden Menschen, dort die bösen Konzernchefs? >> Jean-Paul Sartre hat gesagt: „Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unter- drückt“. Verstehen Sie? „Was“ sie unterdrückt, nicht „wer“ sie unter- drückt. Ein Konzernchef wie Peter Brabeck von Nestlé ist eigentlich ein zivilisierter Mensch, er geht in die Kirche und so weiter. Aber wenn er den Aktienkurs nicht jedes Jahr um soundsoviel Prozent heraufjagt, dann ist er eben in drei Monaten nicht mehrPräsidentvon Nestlé.Umdiese strukturelle Gewalt geht es mir. << Dann lassen Sie uns über die Strukturen sprechen. Sie kritisie- ren zum Beispiel, dass die EU ho- he Subventionen für Lebens- mittelexporte vergibt. >> Mit der Folge, dass Sie auf jedem afrikanischen Markt Obst, Gemüse und Geflügel aus Europa zur Hälfte oder zu einem Drittel des Preises von einheimischen Produkten kau- fen können. Ein paar Kilometer wei- ter rackert sich der afrikanische Bau- er ab, zwölf Stunden am Tag, seine Frau und Kinder ebenso, ohne die geringste Chance auf ein Existenz- minimum. << Afrika leidet aber doch eher unter dem schwierigen Klima – und un- ter seinen korrupten Regierungen. Oder hängt das alles zusammen? >> Alle zwei Jahre wird zum Bei- spiel der Niger von Dürre und Hun- gersnot heimgesucht. Der Niger ist das zweitärmste Land der Welt. Der Niger ist aber gleichzeitig der zweitgrößte Uran-Produzent der Welt. Diese Produktion ist aus- schließlich in der Hand von Areva, einem französischen Konzern. Der heutige Staatspräsident Issoufou ist eine ehemaliger Angestellter von Areva. Und Areva plündert den Staat total. << Und den Menschen bleibt nichts. >> Es gibt dort jetzt ein Weltbank- projekt: Auf 480 000 Hektar könn- te der Boden mit Kanälen bewässert werden. Das würde 19 Millionen Dollar kosten, und wenn das Projekt realisiert würde, wären drei Ernten gesichert für zehn Millionen Men- schen. Aber der zweitgrößte Uran- produzent gibt keinen Cent, um es zu realisieren. Die Menschen sterben auf einem Goldhaufen. << Haben Sie weitere Beispiele? >> Ich war im Juni in Ruanda, in Nord-Kivu bei Goma, da haben die Minengesellschaften ihre eigenen Milizen, beuten Bodenschätze aus, wie Coltan oder Kobalt. 2600 Kilo- meter weiter in Kinshasa sitzt Prä- „Der Arme hat nichts denn ein wenig Brot, wer ihn darum bringt, der ist ein Mörder,“ heißt es in der Bibel. Jean Z Vereinten Nationen, zählt zu den bekanntesten Kritikern der Weltwirtschaftsordnung. Ein Gespräch über den H JEAN ZIEGLER (78):„EIN KIND, DAS VERHUNGERT, WIRD E Foto:C.BertelsmannVerlag 10-11_nachgefragt_13-01-7.qxd:10-11_nachgefragt_13-01 26.11.2012 11:16 Uhr Seite 10

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