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missio_ebooks_01_2015

blickwechsel deutschland missio magazin 1/2015 31 >> „Dublin-Verordnung“, diesen Begriff hat Mohammad zum ersten Mal in Deutschland ge- hört. Richtig verstanden hat er ihndannabererst,alserimInter- netnachgelesenhat.Erweiß,dass er laut EU-Verordnung eigent- lich zurück nach Bulgarien ge- musst hätte. Doch da wollte er nicht wieder hin. Die Erinne- rungen an die Zeit dort sind nicht gut. Er erzählt von über- füllten Flüchtlingslagern und davon, wie er gemeinsam mit vielen anderen im Freien schla- fen musste. Drei Tage hat er nichts zu essen bekommen. Als er zu einem Arzt wollte, hieß es nur, es gebe keinen. Letzte Chance: Kirchenasyl Mohammad sitzt in der Küche von Tina B.. Er hat sie kennenge- lernt, als sie in die Flüchtlings- unterkunft in Ruhpolding ge- kommen ist, um dort ehrenamt- lich Deutsch zu unterrichten. Sie waresauch,diegehandelthat,als Mohammad am 25. Juni dieses Jahres seinen Rückschiebebe- scheid nach Bulgarien bekam. Tina B. kennt Mohammad und seine Geschichte inzwischen gut. Sie weiß, dass er gemeinsam mit seinem Cousin aus Afghanistan geflohen ist. Aus einem Land, in demeinstrengerGlaubeherrscht. Das ist alles, was der 19-Jährige von seiner Heimat erzählt. Fünf Monate schlugen sie sich nach Deutschland durch. Bis zur Türkei hat ein Schlepper für 800 US-Doller pro Person alles organisiert. „Danach muss- ten wir alleine weiter“, sagt Mo- hammad. „Durch Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich. Viele Tage habe ich im Gefängnis verbracht“. Als er endlich in Deutschland ankam, dachte er, er habe es geschafft. Als der Rückschiebebescheid kommt, beschließen Tina B. und ihre Tochter zu helfen. Im Kirchenasyl sehen sie eine Mög- lichkeit, Mohammad vor der Abschiebung zu schützen. 30 Gemeinden telefonieren sie ab - ohne Erfolg. Keiner möchte Mo- hammad aufnehmen. Einen Tag bevor Mohammads Frist abläuft, schnappt sich Tina B. den Jun- gen und bringt ihn aus Ver- zweiflung in ein Krankenhaus. Als Heilpraktikerin kann sie ihn als suizidgefährdet einweisen. Er kommt auf die Station für Kri- senintervention. „Es war nicht mal ganz gelogen“, sagt Tina B.. Mohammad ging es zu diesem Zeitpunkt sehr schlecht. Nach drei Wochen findet Tina B. schließlich eine Ge- meinde, die Mohammad Schutz bieten will. Gemeinsam mit sei- nem Cousin kommt er im Ju- gendraum des Pfarrhauses unter. Die jungen Männer haben eine eigene Küche, spielen Tischten- nis und helfen dem Pfarrer beim Büsche schneiden. Mohammad entdeckt das Töpfern für sich. Fünf Jahre hat er als Stuckateur gearbeitet, er hat geschickte Hände und töpfert Tina B. und ihrer Tochter Schalen, Tier- figuren und Windlichter. Eine Lehrerin kommt zum Deutsch lernen vorbei, ein anderer zeigt Mohammad das Geigespielen. Er mag den Klang von Violinen und hört sich Konzerte im Inter- net an. „Manchmal wenn ich zu viel im Kopf habe, hilft es mir zu vergessen“, sagt er. Ende Oktober kann Moham- mad nach drei Monaten das Kir- chenasyl verlassen. Die Frist für seine Rückschiebung ist verstri- chen. Bis die Frage seines Asyl- verfahrens vor Gericht entschie- den ist, bekommt er vom Land- ratsamt eine sogenannte Grenz- übertrittsbescheinigung, ein vor- läufiges Ausweispapier, das die Behörden ausstellen. Moham- mads Zukunft ist ungewiss. In Deutschland ist er zwar erst ein- mal in Sicherheit, doch psychisch geht der Kampf weiter. „Immer gibt es noch einen Termin und noch einen. Ich möchte endlich irgendwo ankommen“, sagt er. << S. Seyferth Bis zum Redaktionsschluss war nicht bekannt, ob Mohammad erfolgreich Asyl in Deutschland beantragen konnte. I MOHAMMAD (19), Flüchtling aus Afghanistan Der Jesuitenbruder Dieter Müller vermittelt Kirchenasyl an Flüchtlinge und stellt ihnen finanzielle Hilfe für den Rechtsbeistand zur Verfügung. So zum Beispiel Mohammad – als der junge Afghane abgeschoben werden soll, findet er Schutz in einer Gemeinde. Doch das einst still geduldete Kirchenasyl gerät immer mehr ins Visier der Behörden. „Ich möchte endlich irgendwo ankommen.“ Foto:missio,SJ-Bild/LeopoldStübnerSJ missio magazin 1/201531

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