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missio_ebooks_01_2015

Fr. Serge St-Arneault: „In dieser besonderen Weltsicht ist jeder eine Hexe, nämlich durch seine Fähigkeit, einem anderen Angst einzujagen.“ missio magazin 1/201508 >> In der traditionellen afrikani- schen Perspektive ist die Frage, ob es Hexerei gibt oder nicht, irrelevant. Sie ist ebenso sehr eine Realität, wie die Tatsache, dass sich die Erde um die Sonne bewegt. Es gibt nicht die Frage, ob man daran glaubt. Hexerei existiert, als ein intrinsischer Teil der globalen Weltsicht in der eine ge- meinsame Sicht der Dinge geteilt wird. In dieser Wahrnehmung kann der Geist eines Vorfahren im Körper eines Nachfahren wohnen und diesen dazu bringen, machtvolle Dinge zu tun. Alles, was von der Bitterkeit des Alltags und den langweiligen Bür- den des täglichen Lebens ablenkt, wird mit Hexerei in Verbindung gebracht: von der Angst vor dem Unbekannten bis zu unkontrollier- baren Einschnitten wie Verlusten, Krankheiten, Unfällen, von unerfüll- ten Träumen, Ärger mit einem Nachbarn oder Familienmitglied – alles, was ungewöhnlich, unerwartet oder schlicht unerklärlich ist. Die Vernunft versucht dann herauszufin- den, wer unter den Lebenden und den Toten, das heißt den Vorfahren, für das Durcheinander oder den Schmerz verantwortlich ist. Wenn zum Beispiel in einer Kurve, die auf eine Brücke zuführt, ein Reifen platzt, was dazu führt, dass ein Minibus in den Fluss ab- stürzt und 20 Menschen um das Leben kommen, bleibt die Frage: Wer hat einen Fluch geschickt? Ver- nünftigerweise könnte man sagen, dass der Reifen nicht mehr in Ord- nung war. Aber wer hat bewerkstel- ligt, dass er genau zu dieser Zeit und oder Zauberei in der traditionellen afrikanischen Gesellschaft – Malawi und Sambia an diesem Ort platzte? Warum ge- schah das nicht vor oder nach der Brücke? Aus diesem Grunde ist je- mand dafür verantwortlich, dass der Unfall stattfand. Alles, was mit Hexerei zu tun hat, ist in erster Line emotional. Die Hexerei stirbt wie eine Pflanze ohne Wasser, wenn man sie ignoriert. Wie eine Sucht gewinnt sie an Kraft, wenn man sie durch Geschichten von fliegenden und Menschenfleisch ver- tilgenden Zeitgenossen nährt. Es gibt einen Appetit auf Hexenge- schichten genau wie einen Appetit auf Essen. Jeder möchte seinen phy- sischen und emotionalen Hunger stillen, das ist wie ein gemeinsamer Wille, eine soziale Begierde. In Malawi bedeutet „Nsima“ Essen, das Grundnahrungsmittel, das aus Mais gemacht wird. Obwohl die Menschen Reis, Süßkartoffeln oder Bohnen essen, klagen sie über Hunger, wenn kein „Nsima“ auf dem Tisch steht. In ganz ähnlicher Weise begleiten Begierden das, was als Hexenwerk bezeichnet wird. Selt- samerweise stellt sie eine Art von Sicherheit her. Kindern wird von der Hexerei erzählt, um angesichts einer sich stetig verändernden Gesellschaft und dem schnellen Wandel der modernen Zeit die Kontrolle zu behalten. Und um die Kontrolle zu behalten, ist Angst das Mittel. Eine Frau, die ein recht schönes Haus besaß, erfolgreiche Geschäfte machte und deren Kinder gut in der Schule waren, wurde von ihrer Schwiegermutter bezichtigt eine Hexe zu sein. Die Schwiegermutter lebte in einem vernachlässigten, her- untergekommenen Haus. Sie fühlte sich wenig eingebunden, nicht wichtig genommen. Durch die Beschuldigung der Schwiegertoch- ter kam etwas Leben in das trostlose Umfeld. Jeder sprach darüber, man- che lachten. Schließlich fragte das Oberhaupt der Gemeinschaft die beschuldigte Frau: „Gibst du zu, eine Hexe zu sein?“. „Natürlich“. In der Wahrnehmung der Zeugen kann die Frau nicht leugnen eine Hexe zu sein. Durch die Beschuldigung wird sie zur Hexe. Dies abzustreiten ist Zeitverschwendung. Wie könnte sie stichwort hexerei HEXEREI zur person> Serge St-Arneault, seit 1980 Afrika- missionar, hat viele Jahre im Kongo verbracht. Bis 2011 war er über ein Jahrzehnt hinweg in Malawi einge- setzt, wo er auch gemeinsam mit Fr. Claude Boucher im Kungoni-Zent- rum für Kunst und Kultur zusam- menarbeitete. Dieser Werkstatt ent- stammt die kunstvolle Kapelle bei missio in München, die viele Besu- cher und Kunstliebhaber anzieht. Künstler, die dort ausgebildet wer- den, werden in die Lage versetzt, von ihrem Handwerk zu leben und zugleich, ihre kulturelle Weltsicht auf einzigartige Weise auszudrücken. Einige davon sind spezialisiert auf Schnitzereien von Motiven aus dem Themenspektrum der Hexerei. Ein Thema, das Fr. Serge begleitet: Seit 2012 ist er in Sambia im Ein- satz, wo er immer wieder mit dem Thema in Berührung kommt.

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