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missio_ebooks_01_2016

10 STICHWORT AUSSENGRENZE | missio 1/2016 Außengrenze RUPERT NEUDECK: „Die Afghanen und Syrer denken, Europa gibt es schon. Aber das ist eine Illusion.“ WIR STEHEN AN DER KÜSTE von Skala Sikaminias und sehen in vier Kilometern Entfernung die türkische Küste. Schwedische Helfer haben am Abend Nachtsichtgeräte dabei und er- warten drei weitere Schlauchboote, die völlig überladen an der griechischen Küste ankommen. Was hier an der Grenz- marke zwischen Europa und Asien ge- schieht, wird dieses Europa noch lange beschäftigen. Es ist ein nicht endender Strom von Menschen, die aus der Tiefe Afghanistans, Syriens und der Türkei kommen, abgerissen, nass, meist nach der heimlichen Bootsfahrt. Als ich ankam am 6. Oktober, gab es den heimlichen Verdacht, dass der Prä- sident der Türkei mit seiner allumfassen- den Macht die Küste schon gesperrt hätte und keine Boote mehr hinüberlas- sen wollte. Man hatte mir telefonisch schon sagen wollen, ich brauche nicht mehr zu kommen, dass Problem sei vor- bei. Es kämen keine Flüchtlinge mehr hier über die Meerenge. Dann aber am 8. Oktober: wieder fünf, sechs, sieben Boote an verschiedenen Küstenorten auf dieser heimeligen Feri- eninsel Lesbos. Ein orthodoxer Priester mit dem für den Ort typischen Namen Pater Christoferos, hatte endlich ein bes- seres Empfangshaus aufgebaut, auf hal- ber Strecke auf dem Berg, wohin die Flüchtlinge jetzt in kleinen VW-Bussen gebracht werden. Und wenn man diese Gesichter sieht, die vor Glück an der Küste anfangen zu weinen, besonders die Mütter mit ihren Kindern, die ihre erste heiße Suppe, Brot und eine Flasche Wasser bekommen, und die auf einmal wissen, ganz gleich wie schlecht das hier organisiert ist: Das ist Europa. Dann fragt man sich immer wie- der, wie kann man es schaffen, dass sich nicht mehr Hunderttausende auf den Weg machen müssen. Es gibt aber in Bezug auf die beiden großen Nationalitäten nur folgende Mög- lichkeiten: Entweder man verhindert in Syrien durch ein abruptes Verbot des Si- cherheitsrates, dass der Herrscher in Da- maskus weiterhin seine Luftwaffe mit Fassbomben gegen seine Bevölkerung einsetzt – oder man nimmt die Menschen in Europa auf. Und das heißt im Moment immer noch hauptsächlich in Deutsch- land. Wie selbstverständlich sagen die Europäer östlich von Italien, Österreich und Deutschland: Das haben wir nicht gewollt und das machen wir nicht. Und bei den Afghanen, die jetzt zu Tausenden hier an die Küsten von Lesbos stürmen, ist es mit der Alternative ähn- lich. Entweder wir und die gottverlas- sene, nichtsnutzige Regierung in Afgha- nistan sorgen dafür, dass der wirtschaftli- che Aufbau entsteht und Arbeitsplätze für die unglaubliche Masse an jungen Leuten kreiert werden – oder sie kommen zu Hunderttausenden zu uns. Dass die von der afghanischen Bevölkerung total isolierte Bundeswehr dazu nichts gelei- stet hat, scheint eindeutig. Wie viel werden wir schaffen? Fragt man sich hier am Tag und in der Nacht. 1994/1995 haben wir 400 000 auf einen Schlag aus dem Bürgerkriegsland Bosnien aufgenommen. Das klappte hervorragend, hat uns aber schon in den Ruf gebracht, den ich für uns Deutsche so gut finde: dass wir bei der humanitären Arbeit und Aufnahme immer an der Spitze stehen sollten. Nachdem wir in der Geschichte schon einmal so total versagt haben. ZUR PERSON Im Oktober reiste der Menschen- rechtsaktivist Rupert Neudeck auf die griechische Insel Lesbos. Gemeinsam mit einem deutsch- iranischen Ärztepaar kümmerte er sich dort um ankommende Flücht- linge. Fast sein halbes Leben ist der 76-Jährige schon in der Flüchtlingshilfe aktiv. Weltweit bekannt wurde Neudeck Ende der 1970er Jahre, als er und sein Team mit dem Frachtschiff „Cap Anamur“ zehntausenden vietname- sischen Bootsflüchtlingen auf dem südchinesischen Meer das Leben retteten. Mit seiner 2003 gegründe- ten Organisation „Grünhelme“ ist er bis heute in den Kriegs-und Krisen- gebieten der Welt im Einsatz. Am 3. Dezember 2015 war Neudeck gemeinsam mit dem Leiter des ost- afrikanischen Jesuiten-Flüchtlings- dienstes Endashaw Debrework Podiumsteilnehmer auf der missio- Veranstaltung „Flucht – in, durch und aus Afrika“. Bericht zur Veranstaltung unter: www.missio.com Fotos:dpa 1994/1995 haben wir 400000 auf einen

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