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missio_ebooks_01_2016

11missio 1/2016 | Ja, die Afghanen und die Syrer den- ken, Europa gibt es schon. Aber das ist eine Illusion. Es gibt das Europa der ge- meinsamen Währung, der gemeinsamen Banken, der Montanunion, der Briefmar- ken, des zollfreien Innenraums, des Schengenraums. Aber es gibt die EU noch nicht als Wertegemeinschaft. Sonst würde das ja eine freundliche Aufnahme in Griechenland bedeuten. Und man würde vielleicht organisieren, Griechen- land zu entlasten. Aber es fängt schon damit an, dass ich keinen Griechen hier an der Küste sehe. Es wuselt nur so von Helfern, unberatenen und guten, aber es sind alles Menschen, die aus Deutsch- land, aus den skandinavischen und ande- ren Ländern kommen. Manchmal sind es völlig unbedarfte junge Leute, die nicht wissen, dass man sich zum Empfang von traditionell aufgewachsenen Afghanen nicht halbnackt zeigt. Wenig Professionelles ist hier also zu erkennen. Die Bevölkerung und die Poli- zei beobachtet das, was da vor sich geht und sorgt dafür, dass mit der Müllabfuhr die zerstörten Schlauchboote, Rettungs- ringe und Rettungsschwimmwesten in einem Müllwagen versinken. Wir sind auf dem Weg in das Lager Moria, ein Alptraum für den, der sich vorstellen kann, was ein Lager ist. Ich habe ein so schlechtes, so miserabel für die Flüchtlinge ausgelegtes „Antilager“ noch nicht erlebt. Es soll eine alte Mili- tärkaserne sein, wirkt aber eher wie ein befestigtes Gefängnis, in dem es auf der Straße hoch auf dem Hügel Plätze zum Lagern gibt, zum Aufschlagen von Zelten. gene Agenturen und Firmen daran noch verdienen. Wir haben mehreren Afgha- nen, die nach der Bezahlung der Boote von der türkischen Küste kein Geld mehr hatten, noch mal 100 Euro zugesteckt. Das, was man unseren auf Gemein- nützigkeit fixierten Ämtern nicht zumu- ten kann. Und wofür ich mich schämen würde, eine Quittung zu nehmen. Wie weit kann das noch gehen? Keiner kann das sagen. Es wird gerne gesagt, dass wir nicht zwölf Millionen Syrer in Deutschland aufnehmen können, und auch nicht fünf Millionen junge Afghanen bei uns ihre Zukunft finden können. Dass sich aber hunderttausende Men- schen zum ersten Mal über die ihnen zum Teil feindlich gegenüberstehenden Län- der Iran und Türkei bis nach Europa durchschlagen, um dort ein menschen- würdiges und gutes Leben zu führen, das ist ein weltgeschichtlicher Moment, den wir noch nicht ausschöpfen können. A Dieser Beitrag wurde redaktionell bearbeitet und gekürzt. Der Menschenrechtsaktivist Rupert Neudeck findet, dass die EU keine Wertegemeinschaft ist. Was denken Sie darüber? Wenn Sie möchten, schreiben Sie uns! missio Redaktion „missio magazin“ Pettenkoferstraße 26-28 80336 München redaktion@missio.de IHRE MEINUNG INTERESSIERT UNS! Ganz viele legen sich auf die Seitenstrei- fen, an denen die vornehmen Autos der Hilfsorganisationen dauernd vorbeifah- ren. Es gibt kein Camp-Management, aber hunderte von Helfern, die keine Ah- nung haben, dass man so etwas nicht ma- chen darf. Die Helfer, auch die Ärzte, gehen in der Nacht heraus in ihr schönes Hotel und lassen die Flüchtlinge entwe- der auf dem bloßen Boden liegen oder in kleinen mickrigen Zelten. Es wird jetzt schon sehr kalt. Und da sind alte Menschen und kleine Kinder in großer Zahl. Die Helfer, die da hin und hergehen und Zugänge und Gittertore bewachen vor den Flüchtlingen, fühlen sich ganz stolz. Ich verstehe es nicht. Kei- ner hat hier auf irgend- etwas Anspruch. Die Menschen im Lager müssen ihr Überleben auf dem freien Markt organisieren. Wie auf einem Jahr- markt stehen die Verkaufsbuden herum, weil man zu Recht vermuten darf, dass hier Menschen aus Syrien noch Geld haben. Ich schreibe mir die Preise von einem der Verkaufsbasarwagen auf. Es scheint mir, dass die Flüchtlingsversor- gung hier eine perverse Form angenom- men hat. Wenn die Flüchtlinge hier einen Stem- pel der Einreise und der Registrierung bekommen haben, dürfen sie mit der Fähre, die im Hafen von Mytilini steht, weiterfahren – müssen dafür aber 60 Euro zahlen. So privatisiert der griechi- sche Staat seine Nicht-Hilfe und lässt ei- Flüchtlinge vor der griechischen Insel Lesbos j Es scheint mir, dass die Flüchtlingsversorgung hier eine perverse Form angenommen hat.

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