Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

missio_ebooks_01_2016

ZUR PERSON Zu seinem 70. Geburtstag bezeichnete ihn die Süddeut- sche Zeitung als „Hausphilosoph der CSU“. Alois Glück war immer einer, der über die tagesaktuellen Ereignisse hinaus dachte und längerfristige Entwicklungen im Blick hatte. Er wurde 1940 geboren und wuchs in Hörzing (Landkreis Traunstein) auf. Bereits im Alter von 17 Jahren übernahm er den elterlichen Hof. In die Politik kam er zu- nächst durch sein Engagement in der Katholischen Land- jugendbewegung. Ab 1970 war Glück Abgeordneter der CSU im Bayerischen Landtag und seit 2003 auch dessen Präsident. Er galt vor allem als Experte für Sozial- und Umweltfragen. Als er 2008 nach 38 Jahren nicht mehr kandidierte, war er der dienstälteste Parlamentarier in Deutschland. 2009 übernahm Glück den Vorsitz des Zentralkomitees der Katholiken in Deutschland (ZDK). Diesen Posten behielt er bis Ende November 2015. 13missio 1/2016 | hier, weil hier alles nur Beziehungsge- schäft und Korruption ist, und Tüchtigkeit und Einsatzbereitschaft nichts bringen.“ Das sollte uns als erstes lehren: eine neue Wertschätzung für die Qualität unserer Staatsorgane und die Qualität unseres Rechtsstaats.“ Was erwarten Sie in diesem Zusammen- hang von einem kirchlichen Hilfswerk wie missio? „Was mir am meisten Kopfzerbrechen macht, ist die Perspektive mit Afrika. Wir haben in vielen Ländern ein Durch- schnittsalter von 25 Jahren. Bis 2050 ver- doppelt sich die Bevölkerung. Da wachsen Millionen von jungen Menschen heran. Wenn die keinerlei Perspektiven haben, dann werden sie alles riskieren, nach dem Motto: „Sterben kann ich überall – aber zu Hause ist es völlig hoffnungslos.“ Wie muss Europa reagieren? „Wir brauchen eine gemeinsame Afrika- Politik der Europäischen Union. Die muss damit beginnen, dass wir selbstkritisch unsere eigenen Handelsbeziehungen, un- ser eigenes politisches und wirtschaftli- ches Agieren in Afrika auf den Prüfstand stellen. Bei einem koordinierten Vorgehen ist es vielleicht möglich, besser Einfluss zu nehmen auf bestimmte politische Regime.“ „Handelsbeziehungen prüfen“ - gilt das auch für den Waffenhandel? Darin ist Deutschland führend. „Die Mechanismen sind sicher auch da vielfältig. Es geht auch um deutsche Ar- beitsplätze. Trotzdem: Wir müssen das alles in eine Gesamtbetrachtung mitein- beziehen und die längerfristigen Folgen unseres Handelns mit bedenken. Wir kön- nen hier in Deutschland und in Europa auf Dauer keine gute Zukunft haben, wenn rund um uns nur Elend und Konflikte herrschen. Ob uns das gefällt oder nicht.“ Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit Afrika gemacht? „Für mich persönlich war prägend für meinen Lebensweg: Die katholische Land- jugend in Bayern hatte schon seit 1958 eine Beziehung zur katholischen Landju- gend im Senegal. Bei einem Besuch 1967 ist mir dort ehrlich gesagt zum ersten Mal richtig bewusst geworden: Katho- lisch ist nicht nur „bayrisch-katholisch.“ Was haben Sie dort erlebt? „Wir sind mit unseren Partnern in deren Heimatdorf gefahren. Die jungen Leute haben in Dakar studiert und die ganze moderne Welt erlebt, aber zu Hause in ihrem Dorf gab es noch den geheiligten Bezirk, den niemand betreten durfte, und den Medizinmann und all diese Kulte. Da ist mir bewusst geworden, was die jungen Leute an kultureller Spannung verarbeiten müssen, in welchen unterschiedlichen Welten sie leben müssen. Das war ein wichtiger Impuls andere Kulturen und Le- benssituationen besser zu verstehen.“ Sie selbst sind auf einem Bauernhof auf- gewachsen – zu einer Zeit, als die vielen Heimatvertriebenen kamen. Haben Sie eine Erinnerung daran? „Ja, ganz intensiv. Bei uns zu Hause am Bauernhof wurden Flüchtlinge einquar- tiert. Das ganze Haus war voll. Für die Deutschen waren das zum Teil noch schwierige Lebenssituationen, und jetzt kamen die Flüchtlinge quasi als Konkur- renten dazu. Und wenn ein Bauernsohn, der den Hof übernehmen sollte, ein Flüchtlingsmädchen gebracht hat, war das häufig zunächst eine Tragödie. Wenn wir jetzt von Gleichberechtigung von Mann und Frau reden und den Islam meinen, sage ich immer: Lasst uns mal 50 Jahre zu- rückdenken, wie da bei uns die Wirklich- keit war.“ Trotzdem war die Integration der Heimat- vertriebenen ein Erfolg. „Wir hatten sehr viel Wirtschaftswachs- tum. Und insbesondere die Sudeten- deutschen, die in meiner Region prägend waren, haben sehr viel Wissen mitge- bracht, weil sie bei ihnen schon eine stär- kere Industrialisierung hatten. Aber es gab auch Neid, es gab Witze und alles mögliche. Das war keine Harmoniever- anstaltung, sondern ein schwieriger Lernprozess. Daraus ist aber eine große Bereicherung geworden. Nicht nur öko- nomisch, sondern das hat auch die ge- schlossenen Denkwelten bei uns ein Stück aufgesprengt.“ Sollten christliche Flüchtlinge bevorzugt aufgenommen werden? „Wir dürfen Christen und Muslime nicht gegeneinander ausspielen, aber durchaus eine besondere Aufmerksamkeit für un- sere Glaubensgeschwister haben. Es sind schließlich bittere Realitäten, dass in Teilen der von Clans geprägten Ländern Christen verfolgt werden.“ Kann man denn als Christ die anti-islami- sche Pegida-Bewegung gut finden? „Für mich ist die entscheidende Orientie- rung: Welches Menschenbild haben die, die dort agieren? Und wenn man sich in Teilen meinetwegen angesprochen fühlt, etwa beim Thema Heimat, aber diese Menschen gleichzeitig Stimmung machen gegen Menschen anderer Prägungen, dann können diese Leute nie und nimmer unsere Partner sein.“ A „WIR KÖNNEN IN DEUTSCHLAND UND IN EUROPA AUF DAUERN KEINE GUTE ZUKUNFT HABEN, WENN RUND UM UNS HERUMN NUR ELEND UND KONFLIKTE HERRSCHEN.“N Alois Glück ist Autor mehrerer Sachbücher. In seinem aktuellen Buch „Anpacken statt Aussteigen“ ruft er Christen zu einem stärkeren Engagement in der Welt auf. Erschienen im Herder-Verlag 2015

Seitenübersicht