Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

missio_ebooks_01_2016

23missio 1/2016 | IM VORDERGRUND EL NINO Urteil nicht immer leicht. „Unsere Wet- terexperten haben den El Niño unter- schätzt. Sie haben nicht damit gerechnet, dass es so wenig regnet dieses Jahr. Wir müssen gestehen, unsere Vorhersagen waren falsch“, sagte der indonesische Si- cherheitsminister Luhut Panjaitan im Ok- tober vor Journalisten. Unvorbereitet sind die Folgen dieses Klimaphänomens für die Menschen in den betroffenen Gebieten umso drama- tischer. In Äthiopien waren in diesem Jahr rund acht Millionen Menschen auf- grund einer besonders schweren Dürre von Hunger bedroht. In Malawi stiegen die Preise für Mais um bis zu 70 Prozent, weil die Ernteerträge einbrachen. Und auf den Philippinen riet die Regierung ihren Bewohnern schon vor Wochen, möglichst viel Wasser zu speichern, um sich auf einen „noch schlimmeren El Niño als 1997/98“ vorzubereiten“. Fehlurteile mit drastischen Folgen für die Menschen Einen richtigen Notfallplan gibt es nicht. Oft bringen extreme Wetterbedingungen und die daraus entstehenden Katastro- phen wirtschaftlich und sozial schwache Länder noch weiter in Bedrängnis. „Die Regierung hat zwar angekündigt, dass sie etwas tun will, aber bis jetzt kennen wir noch keinen konkreten Plan“, be- schreibt der in Klimathemen engagierte Weihbischof von Manila Broderick Pa- billo die Situation auf den Philippinen. „Die Regierung müsste eine Absicherung für diejenigen schaffen, die ihre Ernten verlieren und zugleich ein Programm einrichten, um Bauernfamilien, die in ab- gelegenen Regionen leben, mit Nahrung- smitteln zu versorgen.“ Als wolle er vor etwas warnen, kommt der diesjährige Mega-El Niño genau zu einer Zeit, in der die großen Regierungs- chefs mit Aktivisten aus Umwelt und Wirtschaft gerade erst um die Zukunft unserer Erde verhandelt haben. Vom 30. November bis 11. Dezember diskutierten die Teilnehmer des Weltklimagipfels in Paris über neue, verbindliche Klimaziele. El Niño zeigte indes, welche drastischen Folgen kleinste Temperaturveränderun- gen auf das Wetter und somit für den Menschen haben können. Auch wenn das pazifische Wetterer- eignis keine direkte Folge der globalen Erwärmung ist, gehen einige Wetterfor- scher davon aus, dass sich der Effekt eines El Niño aufgrund des Klimawandels verstärken wird. Kriegsflüchtling versus Klimaflüchtling Und auch Pabillo vermutet: Der Klima- wandel werde das El Niño-Phänomen be- einflussen – so wie er auch schon die Tai- funsaison auf den Philippinen verändert habe. Die jährlichen Tropenstürme wür- den bereits öfter und heftiger kommen als früher und außerdem – und das sei be- sonders tückisch – in Gebieten auftreten, die bisher als sicher gegolten haben. So blieb die Insel Mindanao, die Kornkam- mer des Landes, früher von Taifunen ver- schont. In den letzten drei Jahren jedoch ver- wüsteten auch hier hef- tige Stürme die Region. Schon heute gehen die Philippinen von etwa einer Million Klimaflüchtlingen im eigenen Land aus – Menschen, die wegen Taifunen und Überschwemmungen ihre Wohnorte regelmäßig verlassen müssen. In Südostasien ist der Klimawandel längst kein Zukunftsszenario mehr. Hier haben Regierungen, NGO’s und die Kir- chen schon lange Programme ins Leben gerufen, um den von Taifunen und Über- schwemmungen betroffenen Menschen zu helfen. An den Küsten stehen mehr- stöckige Evakuierungsgebäude, es gibt Schulungen zum richtigen Verhalten bei Katastrophen, und immer häufiger wer- den ganze Gemeinschaften umgesiedelt. Oft ist das aber zu kurz gedacht, denn wer einst als Fischer an der Küste sein Geld verdient hat, findet im Landesinne- ren oder in den Bergen nicht so einfach wieder Arbeit. Klimaflüchtlinge werden dann zu Armutsflüchtlingen. Nach Schätzungen der Internationa- len Organisation für Migration (IOM) könnten bis zum Jahr 2050 weltweit rund 200 Millionen Menschen zu Klimaflücht- lingen werden. Häufen sich die damit verbundenen Notlagen, muss man damit rechnen, dass sich zumindest ein Teil die- ser Menschen auch dauerhaft nach neu- en und wirtschaftlich lukrativeren Le- bensräumen umsieht. Zum Vergleich: Wegen Armut oder Krieg befinden sich derzeit weltweit etwa 60 Millionen Men- schen auf der Flucht. Dass Länder mit einem besonders hohen CO2-Ausstoß wie China, die USA, Russland oder Deutschland zukünftig ei- ne besondere Verantwortung gegenüber Klimaflüchtlingen tragen sollten, mag auf der Hand liegen, eine rechtliche Rege- lung gibt es dazu bisher allerdings nicht. Denn anders als für Kriegsflüchtlinge und politisch oder religiös Verfolgte, gibt es für Menschen, die in Folge veränderter Klimabedingungen ihre Heimat verlas- sen, keine internationalen Schutzrechte. Und während Europa in diesen Ta- gen versucht, neu zu definieren, wer Kriegs- und wer Armutsflüchtling ist, hoffen die Menschen im Pazifikraum, nicht zu Klimaflüchtlingen zu werden. El Niño stellt sie dabei auf eine lange Probe: Bis zum Frühling 2016 soll das Wetterphänomen laut Vorhersagen noch anhalten. A STEFFI SEYFERTH Schon heute gehen die Philippinen von etwa einer Million Klimaflüchtlingen im eigenen Land aus. PHILIPPINEN 7107 Inseln 81 Provinzen Hauptstadt Manila 107 Millionen EinwohnerMANILA

Seitenübersicht