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missio_ebooks_01_2016

ZUM ERSTEN MAL bewusst sieht Maulana Abdul Khabir Azad mehrere Christen auf einmal, als er 21 Jahre alt ist. Damals begleitet er seinen Vater in ein christlich geprägtes Dorf, in dem es kurze Zeit vorher einen Anschlag gegeben hatte. Sein Vater, damals Großimam von Pakistans zweitgrößter Mo- schee, half mit, die zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Heute, 25 Jahre später, hat Azad den Posten seines Vaters eingenommen. Er ist Großi- mam der Badshahi Moschee in Lahore und überzeugter Ver- fechter des interreligösen Dia- logs in Pakistan. Hunderttau- send Gläubige haben in Azads Moschee Platz. An muslimi- schen Festtagen ist sie voll, an normalen Freitagen kommen immerhin bis zu zehntausend. Was Azad predigt erreicht eine Menge Leute. In einem Land, in dem Religion Leben und Han- deln bestimmt, kann die Über- zeugung des Imam richtungsweisend für die Meinungsbildung der Menschen sein. Azad kommt aus einer tiefgläubigen Familie. Als eines von sieben Kindern wächst er in Lahore auf. Sein Heimatland Pakis- tan ist eine Islamische Republik. 95 Prozent der Einwohner sind Muslime. Der Rest: Christen, Hindus, Sikhs. Von klein auf lernt er die Inhalte des Korans. Wenn man ihn fragt, ob er sich eher als Pakistani oder eher als Muslim fühle, sagt er: Zuerst bin ich Mus- lim, dann erst Pakistani. Re- ligion ist seine Identität. So kennt er es, seit er ein Kind ist. Und dennoch oder gerade deswegen lehren ihm seine Eltern auch, dass es unterschiedliche Religionen gibt, die er respektieren muss. Azad bezeichnet Christen und Hindus in Pakistan nicht gerne als Minderheiten. „Sie sind unsere Brüder und Schwestern und sollten gleichwertig behandelt werden.“ Tatsächlich aber haben Christen, Hindus, Sikhs, und auch schiitische Muslime 24 BLICKWECHSEL IMAM | missio 1/2016 und Anhänger der Ahmadis in Pakistan bis heute mit Diskrimi- nierung und Gewalt zu kämp- fen. „Überall wo es unterschied- liche Religionen gibt, gibt es Vorurteile gegen die jeweils an- dere, ich versuche mich darauf zu konzentrieren, was uns ver- eint und nicht darauf, was uns unterscheidet“, sagt er. Im Jahr 2011 trifft Azad Papst Benedikt XVI. Sie sprechen da- rüber, wie wichtig der Dialog zwischen Christen und Mus- limen sei. „Es war eine unbe- schreiblich tolle Erfahrung“, sagt Azad. Als erster Imam in Land veranstaltet Azad in seiner Mo- schee eine Konferenz zum The- ma „Interreligiöser Dialog“. Seine Erfahrungen im christlich- muslimischen Dialog teilt er auf Veranstaltungen in Europa, Asien, Südamerika und den USA. Manchmal verreisen Fr. James Channan und er gemein- sam und berichten von ihrerAr- beit. „Es gibt Tausende, die un- sere Mission weitertragen“, sagt Azad. Nur knapp zwei Prozent der pakistanischen Bevölkerung sind Christen. Und dennoch spielen sie eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft. Schulen und Krankenhäuser, geführt von Ordensleuten, zählen in Pakistan zu den besten. So sagen es die Muslime selber. Und auch Azads Tochter geht auf eine christ-liche Schule. Die beiden Söhne werden es auch einmal tun, sobald sie den Koran fertig studiert haben. „Fast alle un- serer bedeutenden Politiker, Militäroffiziere und Richter waren auf christlichen Schulen“, sagt Azad. „Christlich-muslimischer Dialog“, sagt er und lacht. Einen Punkt gibt es dann allerdings doch, den Azad nicht geändert haben will: Laut Verfassung dürfen in Pakistan nur Muslime Präsident werden. Bei einer mehrheitlich musli- mischen Bevölkerung ergebe das auch Sinn, sagt Azad. „In Deutschland wäre es schließlich auch undenkbar, dass ein Muslim Bundeskanzler wird.“ A Botschafter des Friedens „ZUERST BIN ICH MUSLIM, DANN ERST PAKISTANI.“N Maulana Abdul Khabir Azad (39) Großimam aus Pakistan Fotos:FritzStark,SteffiSeyferth

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