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missio magazin Ausgabe 02/2012

missio magazin 2/2012 11missio magazin 2/201210 nachgefragt bei ... Pater Florian, wie geht es Ihnen, an einem so abgelegenen Ort wie Illeret, im äußersten Norden Kenias? >> Naja, „abgelegen“ – das kommt drauf an. Ich sage immer: Illeret liegt genau auf halber Strecke von Addis Abeba nach Nairobi. Also, für mich liegt Illeret nicht abseits. Wir sind genau mittendrin! << Wie sehr waren Sie denn im ver- gangenen Jahr von der Dürre betroffen, unter der Ostafrika zu leiden hatte? >> In Illeret herrscht fast immer Trockenheit. Die Menschen können fast nichts anbauen, sie halten Kühe, oder fangen Fische. Und dieses Mal blieb die Hauptregenzeit aus, des- halb kam der Hunger. Aber was jetzt an Geld für Wasser- und Lebens- mittellieferungen ausgegeben wur- de, ist horrend. Hätte man mit dem gleichen Geld schon vor einiger Zeit bessere Straßen gebaut, dann wäre die Not verhindert worden. << Wofür wären bessere Straßen vor allem nützlich? >> Damit die Menschen leichter mit dem Rest des Landes Handel betreiben können. Es hat auf Dau- er keinen Sinn, wenn die Men- schen von kostenloser Nahrungs- mittelhilfe abhängig sind. Sie brauchen genug Geld, damit sie sich ihr Essen selber kaufen kön- nen. << Woher soll dieses Geld kommen? >> Die Menschen sind Viehbe- sitzer. Aber sie betreiben keinen kommerziellen Viehhandel. Wir in der Pfarrei sorgen dafür, dass sie ihre Tiere verkaufen können und geben ihnen so eine Chance, Geld zu verdienen. << Ein Prinz als Missionar: Pater Florian von Bayern lebt seit mehr als 20 Jahren in Kenia. Am Lake Turkana gründete er beim Volk der Dassanetch eine Pfarrei, in der er jetzt mit zwei kenianischen Missionaren lebt. Ludwig III., der letzte bayerische König, war sein Urgroßvater. Wie läuft das genau ab? >> Unser Plan sieht so aus: wir fahren mit einem leeren Lastwagen hin. Den muss ich mieten, und es ist nie so ganz sicher, wann er genau ankommt. Aber die Leute tun sich dann zusammen, und hal- ten Schafe und Kühe bereit, die der Lastwagen abtransportiert. Der fährt dann etwa 18 bis 20 Stunden bis Marsabit. Dort muss er die Tiere abladen und ein bis zwei Tage grasen und trinken lassen. Dann fahren sie nochmal zwölf bis 15 Stunden nach Nairobi, wo die Tiere verkauft werden. << Soll man die Leute nicht lieber in ihrer traditionellen Kultur leben lassen? Einfluss von außen - Wirt- schaft, Geld, Handel – kann doch auch vieles zerstören. >> Also soll man die Leute zwangs- weise so halten wie sie immer waren? Nein! Die Menschen wol- len sich weiterentwickeln. Und die Entwicklung kommt so oder so. Aber man kann eben versuchen, sie in die eine oder andere Richtung zu lenken. Moderne Dinge, wie Ra- dios, Taschenlampen wollen auch die Menschen am Turkana-See haben. Und damit sie sich das beschaffen können, brauchen sie Geld. Sonst könnte man ja auch sagen: wir geben euch keine Schule, keine Wasserversorgung, keine Krankenhäuser. << Wie offen sind die Menschen für Ihre Ideen? Sind sie überhaupt dazu bereit, sich auf Ihre Pläne einzulassen? >> Es geht nur mit den Menschen; man kann nicht nur der große rei- che Onkel sein, der alles für sie tut. Sondern man muss einer der ihren werden. Wie der Apostel Paulus gesagt hat: „Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche.“ Ent- wicklung kommt nicht von oben. Die Leute müssen sich selber ent- wickeln. << Sind Sie denn den „Kenianern ein Kenianer“ geworden, nach zehn Jahren am Turkana-See? Und wenn ja, gab es einen Moment an dem Sie merkten: Ja, jetzt bin ich einer von ihnen? >> Ich glaube schon, dass ich akzeptiert werde. Aber ich könnte wohl kein konkretes Beispiel nen- nen (überlegt lange). Vielleicht, als ich das erste Mal bei einem ihrer Feste nicht nur teilgenommen ha- be, sondern auch offiziell den Speer genommen und geredet habe. << Was ist da genau passiert? >> Das war ein großes Fest, für das acht Kühe geschlachtet wurden. Die Dorfältesten saßen außen, die Jüngeren in der Mitte. Sie haben offiziell darum gebeten, dass sie in den Kreis der Älteren aufgenom- men werden. Das ist eine Gelegen- heit für die Älteren, ihnen Rat- schläge fürs Leben zu geben. Zwei Themen kamen auf: Friedensarbeit und Bildung. Da durfte ich zum ersten Mal auch etwas dazu sagen. Ich stand auf und nahm den Speer in die Hand. Man spricht dann nicht im Stehen, sondern geht auf und ab. Interessant war auch, dass meine zwei kenianischen Mitbrü- der dabei waren – aber die durften nicht mitreden. Ich schon. << Haben die Stammesältesten mehr Respekt vor Ihnen, weil auch unter Ihren Vorfahren einige wichtige „Chiefs“ waren - näm- lich diverse bayerische Könige? >> Ich poche nicht groß auf meine Herkunft. Entweder man ist eine Autorität als Person, oder eben nicht. Aber meistens kommt es doch irgendwann raus, das hilft nichts. << Sehen Sie sich als Missionar in einer gewissen Familientradition? Immerhin hat Ihr Ur-Ur-Ur-Groß- vater, König Ludwig I., den „Lud- wig-Missionsverein“ gegründet. >> Zum Teil schon. Ganz allge- mein ist das Christentum immer schon tief verwurzelt gewesen in unserer Familie. Und die Mission ist immer ein Teil des christlichen Glaubens. Aber für Afrika und das Missionarsleben habe ich mich sicher nicht deshalb entschieden, nur weil es zur Familientradition gehört. Das war vor allem eine persönliche Entscheidung von mir. Haben Sie sich eigentlich Ihren Einsatzort Illeret selber ausge- sucht? >> Ich hatte nur eine Bedingung: so weit wie möglich von Nairobi weg wollte ich eingesetzt werden. Ich bin einfach kein Stadtmensch. Die meiste Zeit verbringt man in Nairo- bi im Stau, und ich bin immer froh, wenn ich wieder weg bin. Das ist mir zuviel Hektik. << Welche Pläne haben Sie als näch- stes? >> Ich setze mir sehr ungern kon- krete Ziele, weil das selten hinhaut. Meine Ziele sind in ganz weiter Ferne, und um sie zu erreichen, muss ich kleine tägliche Schritte unternehmen. Was ich hier gelernt habe: Wenn es darauf ankommt, dann funktioniert alles. << Interview: Ch. Selbherr A„Auf die Dauer haben kostenlose Lebens- mittellieferungen keinen Sinn. Die Menschen brauchen genug Geld, damit sie sich ihr Essen selber kaufen können.“ PATER FLORIAN VON BAYERN (54): „ICH POCHE NICHT GROSS AUF MEINE HERKUNFT. ENTWEDER MAN IST EINE AUTORITÄT, ODER EBEN NICHT.” Es dauert mindestens vier Tage, bis man die 1000 Kilometer von Kenias Hauptstadt Nairobi hinter sich hat, und den kleinen Ort Illeret am Ostufer des Turkana- Sees erreicht. Vorausgesetzt, es gibt keine Reifenpanne. Weit entfernt von der Millionenstadt Nairobi, fast direkt an der Grenze zu Äthiopien lebt Pater Florian. Er gehört der Gemein- schaft der Missionsbenediktiner von Sankt Ottilien an. Und er ist Mitglied des bayerischen Königshauses, der Familie der Wittelsbacher. Als zweites von sieben Geschwistern kam er 1957 zur Welt und wurde getauft auf den Namen Franz-Josef. Seinen Ordensnamen wählte er erst später. In der Schule tat er sich schwer, und eine Ausbildung zum Erzieher brach er ab. Mit Anfang 20 begann er die Priesterausbildung im Stift Heiligenkreuz bei Wien. 1982 wurde er Novize in Sankt Ottilien und ging schließlich nach Kenia. Nach Illeret kam er 2001. Danach übernahm er für kurze Zeit die Leitung des Klosters Tigoni bei Nairobi. 2009 kehrte er zurück nach Illeret am Lake Turkana, der zu Kolonialzeiten noch Rudolfsee hieß. Dort lebt das Hirtenvolk der Dassanetch. Sie sind nur ungefähr 1000 Menschen und leben von Viehhaltung und Fischfang. „Ich will den Menschen nicht nur das Seelenheil bringen“, sagt P. Florian, „Sondern auch das praktische Leben.“ zur person > Foto:JörgBöthling