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missio magazin Ausgabe 02/2012

blickwechsel deutschlandblickwechsel kenia missio magazin 2/2012 33missio magazin 2/201232 >> Wenn Daniel Mack mit all seinen Berufskollegen in Deutschland Fußball spielen wollte, dann brächten sie keine zwei Mannschaften zusammen. 14 Menschen teilen zwischen Nordsee und Alpen seinen Be- ruf mit ihm – unzählige aber seine Leidenschaft: Tee. Mack ist Teetester bei TeeGschwend- ner, einem Teekontor, das sich im Spitzensegment positio- niert. Auch das ist wieder eine Nische: Denn 96 Prozent der weltweiten Teeproduktion lan- det als Massenware in Billig- Teebeuteln. Die verbleibenden vier Prozent sind die Welt des 26-jährigen Daniel Mack. Vor ihm steht eine Reihe genormten Teetester-Geschirrs, das eine Firma in Sri Lanka herstellt. Zu Demonstrations- zwecken liegen davor eine Reihe unterschiedlichster Tees, Schwarztees wie Grüntees. Wenn Mack Montag morgens in sein Atelier in Meckenheim bei Bonn kommt, erwarten ihn rund 500 Muster aus aller Welt. Allerdings ist die Varia- tionsbreite dann erheblich ge- ringer: Der gebürtige Aachen- er versucht, beispielsweise aus 150 Grünteemustern ein und der selben Sorte feinste Ge- schmacksnuancen herauszufil- tern, um seine Wahl zu treffen. „Wir kaufen aus einem Teegar- ten die Partien, die uns gefal- len und mischen daraus das Ganze. Das ist Puzzlearbeit“, sagt er. Als „Vorlage“ für die- ses Puzzle dient dabei in vielen Fällen der Tee des Vorjahrs, den Mack in der Komposi- tion geschmacklich anknüpft. Mack testet so genannte „orthodoxe“ Tees, das heißt rei- ne Tees, denen keine Aroma- stoffe zugesetzt sind. Dabei werden für jede Tasse auf der Handwage abgemessene 2,83 Gramm trockener Teeblätter mit 100 Grad heißem Wasser übergossen und genau fünf Minuten ziehen gelassen. Je- dem Grünteeliebhaber würden sich angesichts eines solchen Vorgehens die Nackenhaare aufstellen. „Das machen wir wegen der Vergleichbarkeit. Wenn ein Grüntee nach fünf Minuten immer noch trinkbar ist, dann weiß ich, dass es ein guter Tee ist“, sagt Mack. Obwohl man von „Trinken“ im eigentlichen Sinne nicht spre- chen kann: Mack saugt die heiße Flüssigkeit laut schlür- fend ein, um den Schluck Tee im Mund mit Sauerstoff zu ver- binden. Dann presst er ihn in alle Winkel seiner Mundhöhle im Wissen um die allerortes an- sässigen Geschmacksknospen und spuckt ihn zu guter Letzt in einen Eimer. „Die Weinte- ster spucken aus, weil sie sonst am Ende der Verkostung ein- fach alles kaufen würden“, scherzt er, „wir tun das, weil die Menge an Flüssigkeit einfach zu groß wäre.“ Anders als beim Wein und beim Kaffee lege sich Tee nicht auf die Geschmacksknospen: Teetester neutralisieren den vorangegan- genen Schluck mit ein wenig Mineralwasser. Wird der Tee für gut befun- den, geht die Bestellung noch vormittags an den Produzen- ten. 24 Stunden später erhält Mack die Laborwert auf Rück- stände, etwa durch Pestizide. Die hausinternen Richtwerte liegen bei einem Drittel der staatlich festgelegten Höchst- werte. Stimmen die Laborwer- te, hat Mack ein weiteres Teil in seinem Puzzle gefunden. Im Hause TeeGschwendner gibt es keine einzige Kaffeema- schine. Mack selbst trinkt nur bei seltenen Gelegenheiten Kaffee: „Wenn ich in einem Wiener Kaffeehaus bin, dann bestelle ich mir ein Tässchen“, sagt er. << B. Brustlein >> Es gibt eine goldene Regel, und Benina Njambi kennt sie auswendig: „Zwei Blätter und eine Knospe“ – das ist alles, was sie mit flinken Händen vom Teestrauch pflückt. Nur die beiden jüngsten Triebe, zusam- men mit einer Knospe, verspre- chen am Ende beste Qualität. Anders als Obst und Gemüse hat Tee praktisch keine Saison. Besonders hier im milden Klima der kenianischen Zen- tralprovinz treiben die Blätter alle paar Tage wieder neu aus, und Benina Njambi hat jeden Tag Arbeit. Die Ernte der Teeblätter ist immer noch Handarbeit – ei- nerseits. Andererseits war Tee auch immer schon ein Indus- trieprodukt. Nach der Ernte müssen die Blätter aufwändig veredelt werden; in der Fabrik werden sie gewelkt, gerollt, gegoren und getrocknet. Sobald sie sortiert und ver- packt sind, gelangen sie auf die Teebörse – in Kenia meist in Mombasa – und werden dort für den Export angeboten. Im Jahr 2010 hat Kenia 441 000 Tonnen schwarzen Tee verkauft, und war damit vor Sri Lanka, China und Indien der größte Exporteur der Welt. Das sind gute Nachrichten für Pflückerinnen wie Frau Njambi. Eigenes Land besitzt sie nicht; allein mit dem Job auf der Plantage muss sie ihre vier Kinder durchbringen. „Ich ver- diene fünf Schilling achtzig pro Kilo“, sagt sie. Während man denBetragimKopfumrechnet– es sind etwa fünf Eurocent – arbeitet sie auch schon weiter. Sie kann sich keine langen Pausen leisten, Zeit ist Geld. Abends sammeln Mitarbeiter der „Maramba“-Teefabrik ihre Ernte ein und zahlen die Pflücker aus. Teeanbau war in Kenia lange ein Staatsbetrieb. Bei der Un- abhängigkeit übernahm die „Kenya Tea Development Agency“ (KDTA) die Betriebe der britischen Kolonialherren. Im Jahr 2000 wurde die KDTA privatisiert, und nach eigenen Angaben betreibt sie heute 63 Fabriken. Längst sind auch in- ternationale Konzerne auf dem Markt aktiv. Allein der Nah- rungsmittelriese Unilever be- sitzt elf weitere Teefabriken im Land. Dort wird eine Welt- marke produziert: „Lipton Tea“. Der Konzern wirbt damit, dass er sich um die Aufforstung abgeholzter Regenwälder küm- mert und Kleinbauern beim Überleben hilft. Dennoch steht Unilever immer wieder im Ver- dacht, menschliche Teepflücker lieber heute als morgen durch Maschinen ersetzen zu wollen. Ende 2010 streikten tausende Pflücker auf kenianischen Plan- tagen, um für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu demonstrieren. Vielleicht wird sie bald von Maschinen ersetzt Längst gibt es ja schon mo- derne Geräte, die die Teesträu- cher in Windeseile abrasieren können. Wenn es nur schnell genug und damit kostenspa- rend geht, macht es offenbar nichts, ob da ein paar Blätter zuviel oder gar einige Zweige mit im Sack landen. „Durch diese Maschinen gelangen sogar Würmer, Käfer und Schlangen in den Tee“, wetterte ein Ge- werkschaftsmann vor kurzem. Gezogen von zwei Arbeitern, soll eine chinesische Pflück- maschine aus dem Hause „Yongkang Luosi“ täglich 1600 Kilogramm Teeblätter liefern. Wie lange kann da die traditionelle Handarbeit noch mithalten? „Normalerweise“, sagt Benina Njambi, „pflücke ich 40 Kilo pro Tag. An einem guten Tag schaffe ich sogar 45 Kilo.“<< Ch. Selbherr ZWEI LEBEN FÜR DEN TEE M W„Man pflückt nur die zwei jüngsten Triebe und die Knospe. Das ist die goldene Regel beim Teepflücken.“ DANIEL MACK, testet 150 Teemuster am Tag.BENINA NJAMBI, pflückt 40 Kilo Teeblätter am Tag. Für die einen ist er eine Leidenschaft, die anderen zwingen sich zu ein paar Schlucken, wenn sie krank sind. In jedem Fall ist Tee etwas ganz Besonderes und Vielfältiges – von der ersten Pflückung des Darjeeling, über kostbarste Grüntees bis hin zu aromatisierten Mischungen mit klangvollen Namen. Menschen haben mit dem Naturprodukt Tee auf verschiedenste Weise zu tun. So auch Benina Njambi, die ihn täglich pflückt, und Daniel Mack, der ihn Tag für Tag testet. „Wir kaufen aus einem Teegarten die Partien, die uns gefallen und mischen daraus das Ganze. das ist Puzzlearbeit.“ Foto:JörgBöthling,V.Lannert