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missio magazin Ausgabe 02/2012

missio magazin 2/2012 45missio magazin 2/201244 chen. Zu Tausenden gehen sie täglich in die Unterwelt, in die Stadt unter der Stadt: ins U-Bahnsystem Singa- purs. Lange breite, freundliche und saubere Tunnel leiten zu den unter- schiedlichen Bahnhöfen. Vollklima- tisierte hohe Hallen mit freundli- chen, kleinen Geschäften. Bargeld braucht man nicht, ein Scheckkar- tensystem lässt einen für wenig Geld das ganze Land bereisen. Eine Wand trennt das Gleis und den einfahren- den Zug. Linien am Boden schreiben das korrekte Ein- und Ausstiegs- verhalten vor. Kameras überwachen jeden Winkel der Hallen und Bahnhöfe. Verbotschilder und Straf- kataloge warnen auch Touristen vor Fettnäpfchen. Und das sind nur die kleinen Greifarme des Gesetzes. Tatsächlich steht das Rechtssystem der Re- gierung in der Weltöffentlichkeit und bei Organisationen wie Amne- sty International schon lange in der Kritik. Folter und Todesstrafe ge- hören auch im Hightech-Staat Sin- gapur zur Rechtssprechung. Dro- gendelikte werden unverhältnis- mäßig streng bestraft. Vollzugsbe- amte teilen Stockschläge aus. Me- dien stehen unter Zensur, öffent- liche Versammlungen, Rede- und Meinungsfreiheit gibt es schlicht- weg nicht. Der Internal Security Act erlaubt es, Menschen ohne gericht- liches Verfahren einzusperren, wenn der Verdacht besteht, sie könnten die öffentliche Ordnung stören. Seit 1965 ist die People’s Action Party (PAP) die dominierende Regie- rungspartei. Oppositionelle und Regierungskritiker werden streng überwacht und bestraft oder ver- schwinden in den Mühlen des Jus- tizapparats, wenn sie sich öffent- lich äußern. Doch davon merkt man nichts im strahlenden Stadtleben. Der äl- teste Sohn von Shaik Hussein leistet gerade seinen zweieinhalbjährigen Militärdienst. Er ist zur Zeit in Russland. Auch die Verweigerung des Militärdienstes steht in Singa- pur unter Strafe. Und dann flüstert sein Vater: „Die Chancen sind nicht für alle gleich. Ich sage meinen Kindern immer, wenn ihr etwas erreichen wollt, müsst ihr doppelt so hart arbeiten.“ Doch Kritik ist nicht erwünscht. Die Fehler im System Singapur wächst: Neueste Tech- nik, viel Know-How, Investitionen und Reichtum machen es möglich: Seit 2008 ist die Halbinsel Marina South entstanden, eine futuristische Traumwelt aus Hightech-Wolken- kratzern, harmo- nisch geschwun- genen Brücken, die sich in der Abenddämme- rung zu einem fein abgestimm- ten Lichteruni- versum verwan- deln. Hoch oben, wo Singapurs Elite und reiche Touristen im Pool des 191 Meter hohen Sky Park des Kasino Marina South entspannen und eine atemberaubende Aussicht über die Stadt und auch auf die Bewohner der Trabantenstädte haben, versperrt der viele Luxus den Blick auf diejenigen, die un- bemerkt am Boden mitschwim- men. Die meisten Singapurer sind über den staatlichen Central Pro- vident Fund (CPF), eine Art Ren- tensystem, sozial abgesichert. Wie in Deutschland zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen Anteil in diesen gemeinsamen Topf ein. Doch der Staat unterstützt nur so lange, wie man noch arbeiten kann. „Im Laufe ihres Lebens kön- nen sich viele Singapurer irgend- wann eine Wohnung beim Hou- sing Development Board leisten“, erklärt Shaik Hussein. Und dann gibt es sie doch, die Fehler im System. An ihr rennt alles vorbei. In- mitten vom Großstadtgewimmel schiebt eine alte Frau einen voll be- ladenen Karren vor sich her. Sie sammelt Papier ein. Ein Strohhut schützt sie vor der Sonne. Die Klei- dung schlackert an ihrem Körper. Unbemerkt schleicht sie zwischen Autos, Schnellrestaurants, Cafés und vorbeieilenden Menschen um- her. Neugierige Blicke spürt sie so- fort, sie dürfte eigentlich nicht hier sein, sie passt nicht in das perfekte Bild. Sie dreht den Kopf und ver- schwindet in einer Seitenstraße. << Gemeinschaft, Jugend und Sport entschieden. Religiöse Feiern sind erlaubt, doch dann finden sich auch Vertreter anderer Religionen ein. „Zu Festen sind immer alle Bewoh- ner eingeladen, ob es jetzt das chinesische Neujahr ist, das Vesak- Fest der Buddhisten oder Hari Raya der Muslime“, sagt Shaik Hussein. Regierungsvertreter sind dann selbstverständlich auch dabei. Kleine Vergehen – hohe Strafen Und die Behörden nehmen sich aller Belange ihrer Bewohner an. Als sich beispielsweise die Vogelgrippe hier ausgebreitet hat, seien sie in- nerhalb kürzester Zeit zur Stelle ge- wesen und hätten alles desinfiziert, sagt Shaik Hussein. Einmal im Mo- nat treffen sich die Bewohner in sei- nem Block. Sie sprechen über aktuel- leThemen,ProblemeinderSiedlung und tragen ihre Anliegen vor. Regel- mäßig ist auch der zuständige Re- gierungsvertreter dabei. „So können wir sicher sein, dass unsere Wünsche auch bei der Regierung vorgetragen werden“, sagt Shaik Hussein. Alles geht seinen geordneten und geregelten Weg in Singapur. Das Leben scheint perfekt. Die Stadt ist fortschrittlich, erfolgreich, sauber und friedlich. Zusätzlich gilt die Regierung als die am wenigsten kor- ruptionsanfällige der Welt. Doch ihr Auge wacht: Dort nämlich, wo sich die Menschenmassen auf ihren langen Pendlerweg zur Arbeit ma- singapur> Shaik Hussein und sein Sohn im Wohnviertel von Clementi (u.li.). Jedes Gotteshaus steht offen: Im buddhistischen und hinduistischen Tempel (o.re.). Katholisch sein in Singapur: „Wenn der eine schlecht über den anderen redet, dann ist die Regierung schnell zur Stelle und du musst dich entschuldigen“, sagt Henry Pang, hier mit Familie (r.m). Die Arab Street mit der großen Moschee (u.li). Die People’s Action Party (PAP) ist seit der Unabhängigkeit Singapurs 1965 die führende Kraft im Land. Sie gründen ihren Erfolg auf einer intensiven Bildungs-, Einbürgerungs-, und Integrationspolitik. Mit einem Anteil von 77 Prozent Chinesen, 14 Prozent Malaien und 8 Prozent Indern sieht sich die Regierung mit vielen verschiedenen Religionen, Kulturen und Traditionen konfrontiert. Hinzu kommen, bei- spielsweise Armenier oder Juden und andere Minderheiten. Etwa 160 000 Katholiken sind auf 30 Pfarreien verteilt. Der Staat regiert nach dem Prinzip des Good Governance: regelmä- ßig treffen sich die Abgeordneten mit den Bürgern ihres Wahlkreises. Beinahe jeder Bereich des öffentlichen und privaten Lebens wird in der ein oder anderen Weise von Vorschriften und Regeln beeinflusst. Staatlich organisierte Part- nervermittlung unterstützt die Bürger bei der Partnersuche. In Schulen fördert die Regierung neben Englisch auch die Muttersprachen der verschiedenen eth- nischen Gruppen. Damit das „Mischver- hältnis“ der Ethnien auf dem Woh- nungsmarkt stimmt, schreibt die Ethnic Integration Policy vor, in welchen Gebäuden die Bürger wohnen dürfen. 23 SOLCHER TRABANTENSTÄDTE GIBT ES IN SINGAPUR. 80 PROZENT DER EINWOHNER LEBEN IN DIESEN STAAT- LICHEN SIEDLUNGEN.