Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

missio_ebooks_02_2014

Pakistan ist im Oktober 2014 Schwerpunktland im Monat der Weltmission. missio wird dabei insbesondere die Situation der Christen in den Blick nehmen, die als Min- derheit in dem islamischen Land in vieler Hinsicht einen schweren Stand haben. Der renommierte Journalist und Auslandskorrespondent Ulrich Tilgner beschreibt für unser Magazin die aktuelle poli- tische Gemengelage und das Lavieren der pakistanischen Regie- rung angesichts der US-Politik. Seit Mitte der 80er Jahre berichtet Tilgner aus dem Orient, derzeit als Korrespondent für das Schweizer Fernsehen. Zuvor hatte er lange Jahre für das ZDF gearbeitet und zuletzt dessen Büro in Teheran geleitet. missio magazin 2/2014 39 nische Medien spekulierten aber gleichzeitig über eine stille Duldung des US-Drohnenkrieges durch die eigene Regierung. Wenn pakista- nische Geheimdienste den Aufent- halt von Taliban-Führern an die USA verraten, gleichzeitig aber auch Tali- ban-Kommandeure vor geplanten Angriffen warnen, wird die Doppel- bödigkeit des Vorgehens überdeut- lich. Dieses Lavieren ist typisch für die pakistanische Politik. Strittig ist, ob das pakistanische Militär oder der militärische Ge- heimdienst direkt mit Al Kaida zu- sammengearbeitet hat. Dass Osama bin Laden mehrere Jahre in der Mi- litärstadt Abbottabad wohnte, deu- tet zumindest auf eine Art still- schweigender Akzeptanz durch die Behörden hin. Nachdem ein US- Spezialkommando Bin Laden um- gebracht hatte, froren die USA we- gen der starken Kritik der pakista- nischen Regierung ihre Militärhilfe zwei Jahre ein. Nur wenige der Toten auf Fahndungslisten der USA Auch die neue Regierung von Mi- nisterpräsident Nawaz Sharif kriti- siert die US-Drohneneinsätze als Verletzung der Souveränität. Mög- licherweise werden diese Angriffe wegen der pakistanischen Proteste nicht von US-Militärs, sondern vom Geheimdienst CIA organisiert und direkt aus den USA gesteuert. Vor der Amtszeit von US-Präsident Georg W. Bush gab es in Pakistan bereits 44 Drohnen-Angriffe mit 500 Toten. Doch nach dem Amts- antritt Barack Obamas stieg die Zahl der Angriffe deutlich. Allein 2010 starben bei 117 Einsätzen mindestens 815 Menschen, von de- nen nur wenige auf Fahndungs- listen der USA standen. Amnesty International spricht sogar von „Kriegsverbrechen“. Ein Ende der Drohnenangriffe auf Aufständische in Westpakistan zeichnet sich nicht ab. Dennoch dürfte sich das Verhältnis zwischen Pakistan und den USA entspannen, weil sich der pakistanische Einfluss in Afghanistan nach dem Abzug der Kampftruppen der Nato-Staaten 2014 wegen des steigenden Einflus- ses der Paschtunen vergrößern wird. Hohe Militärausgaben statt sozialer Entwicklung Da die Regierung auch einen Abbau der Spannungen mit dem Erzfeind Indien anstrebt, könnte es der Re- gierung Sharif gelingen, das parla- mentarische System zu verteidigen und einen neuen Militär-Putsch zu verhindern. Insofern wird die Be- drohung der Stabilität Südasiens durch Pakistan abnehmen. Dies be- trifft auch das Problem der Atom- bewaffnung. Seit 1999 wird sie von einer eigenständigen Teilstreitkraft der Armee (Strategisches Nuklear- kommando) kontrolliert. Die Zün- der der Bomben wurden inzwischen kodiert. Damit ist zwar die Bedro- hung gesunken, dass Terroristen einen Teil der auf 100 geschätzten Bomben in ihre Gewalt bringen und einsetzen können. Die Gefahr eines Einsatzes der Atomwaffen besteht jedoch weiter, weil hohe pakistani- sche Offiziere immer angedeutet haben, dass die Streitkräfte ent- schlossen sind, die Bombe als erste in einem Krieg mit Indien einzuset- zen. Zudem besteht die Gefahr des Bombenexports zum Beispiel an Saudi Arabien. Die hohen Militär- ausgaben gehen seit Jahrzehnten auf Kosten der wirtschaftlichen und so- zialen Entwicklung. Pakistan gehört mit einem Pro-Kopf-Einkommen von unter 50 Euro zu den ärmsten Ländern der Welt, jeder fünfte Paki- stani muss von weniger als einem Euro pro Tag leben. Kinderarbeit ist weit verbreitet. Wegen gewaltiger Korruption und der großen Armut sowie hohen Arbeitslosigkeit ge- winnen islamistische und terroristi- sche Organisationen in den Vororten der Großstädte an Einfluss. Wird die Nähe zu Saudi Arabien durch religiöse und finanzielle In- teressen gespeist, so hat Pakistan gu- te Kontakte zu China, weil in dem Land ein möglicher Bündnispartner in der Auseinandersetzung mit In- dien gesehen wird. Damit existieren zwei gute Gründe, weshalb die Be- ziehungen zu den USA und den Staaten Westeuropas distanziert bleiben dürften. Appelle, Übergriffe gegen Minderheiten zu stoppen, fal- len so auf wenig fruchtbaren Boden, auch wenn sich ein parlamentarisch- demokratischesSystem gegen Macht- ansprüche der Militärs auf lange Sicht behaupten kann. << U.Tilgner im vordergrund pakistan Foto:dpa/MuhammedMuheisen,privat,Grafik:TheLongWarJournal pakistan>

Seitenübersicht