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missio_ebooks_01_2015

missio magazin 2/2015 37 nem solch gewaltigen finanziellen Aufwand, weltweit Akteure finan- ziert, deren Projekte, wie das von TOSTAN, nicht zum Ende der Tra- dition führen, dies auch meistens gar nicht zum Ziel haben. Es sind Pro- jekte für den „Kampf gegen WGV“, nicht aber für den „Kampf für das Ende der WGV“. Das ist ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied. Ein anderer Grund für die Stag- nation ist die Tatsache, dass das his- torische Ende der Verstümmelungs- praxis in Benin 2005 auf Desinteres- se stieß, es sogar Versuche gab, dies zu vertuschen. Die Studie „Demo- graphic and Health Survey” in Benin 2006 zeigt in der Tabelle „Be- schneidungspraxis bei den Töchtern der befragten Frauen“, dass der Anteil der beschnittenen Töchter der 15 bis 29-jährigen Mütter unter 0,5 Prozent liegt.6 Die Prävalenz, also der Anteil an der Gesamtzahl, bei Mädchen unter 15 Jahren zeigt an, ob in einem Lande noch beschnitten wird oder nicht. Bei einer Prävalenz deutlich unter ein Prozent bei Mädchen ist WGV keine soziale Norm mehr. Die Kommentatoren der Ta- bellen verschweigen jedoch diese historische Tatsache und behaupten das Weiterbestehen der Tradition mit Ergebnissen der Tabelle „Prati- que de l’Excision“, also über die Pra- xis zum Zeitpunkt der Befragung. Daraus geht hervor, dass 12,9 Pro- zent aller befragten Frauen zwischen 15 und 59 angegeben hatten, be- schnitten zu sein7. Diese Frauen wa- ren jedoch alle lange vor der Unter- suchung beschnitten worden! Die Zahl von 13 Prozent beschnittener Frauen in Benin, die immer noch in allen Länderüberblicken steht, sagt nichts darüber aus, ob dort WGV noch praktiziert wird oder nicht. Sie im vordergrund weibliche Beschneidung Foto:JörgBöthling,privat führt in die Irre, denn seit 2009 gibt es dort keinen einzigen belegten Fall von Beschneidung mehr. Zudem wurde bisher kein einzi- ger Dollar, kein einziger Euro aus- gegeben um zu erforschen, wie die Überwindung der Genitalverstüm- melungstradition in bisher zwei Ländern zu erklären sein konnte. Im Gegensatz dazu wird, oft im Fünf- Jahresabstand, in Ländern, in denen die Tradition weiterbesteht, teure Forschung betrieben mit Studien, die schon in kleinen Ländern 100000 Euro kosten konnen. Wem nützt die Stagnation, wem schadet sie? Es gibt also international aber auch in Deutschland kein Interesse daran zu wissen, wie man WGV beenden kann, aber viel Sympathie für letzt- lich ungeeignete und oft sehr teure Strategien. Das ist zunächst wenig verständlich. Aber die Vermutung liegt nahe, dass manche Akteure des „Kampfes gegen Beschneidung“ das Ende der Tradition fürchten konnten wie der Teufel das Weihwasser. Denn das Ende des Problems, gegen das man kämpft, bedeutet ja auch das Ende der Mittel, die man be- kommt, um dagegen zu kämpfen. Schon das Verschleudern horren- der Summen von Steuergeldern ist skandalos. Der eigentliche Skandal ist jedoch die unnötige Verlänge- rung des Leidens der kleinen afrika- nischen Mädchen. Jedes Jahr müssen von ihnen noch hunderttausende unters Messer, die intakt und gesund geblieben waren oder überlebt hat- ten, wäre in ihren Landern mit er- folgsbewährten, auf das Ende der Verstümmelungspraxis zielenden Methoden gearbeitet worden. „Traditionen“ sind die alten, von einer Generation zur anderen weiter- gegebenen ungeschriebenen Gesetze Afrikas. Beschneider/innen und Tra- ditionshütern garantierten Jahrhun- derte lang die Einhaltung der Tradi- tionen. Die Traditionshüter in West- afrika – Fetischpriester, Marabouts, Imame – waren befugt zu strafen, wenn jemand sich der Norm nicht fügen wollte. Sie beziehen ihre Macht aus ihrer religiösen Rolle. Westafrikaner schreiben etwa einem Fetischeur die Fähigkeit zu, mit den Geistern in Verbindung zu stehen und bei Ungehorsam mit schwerer Krankheit oder Tod strafen zu kön- nen. Die Angst vor der spirituellen Macht der Hüter der Traditionen ist ein wesentlicher Grund für den Widerstand der Tradition gegen die Aufklärung. Wenn es aber gelingt, diejeni- gen für das Anliegen der Mädchen- und Frauengesundheit zu gewin- nen, die traditionell für die Norm verantwortlich sind, ist es schnell damit vorbei. Aus den traditionel- len Akteuren der Verstümmelungs- praxis werden nunmehr Akteure des Kampfes für das Ende der Beschneidung. Das geschieht zu- nächst durch die wichtige Auf- klärung der Beschneider/innen in Seminaren und in Versammlungen der Traditionshüter. Danach begleiten die ehemali- gen Beschneider/innen ihre/n Pro- jektarbeiter/in in die Dörfer, in de- nen sie beschnitten haben und for- dern die Bewohner auf, ihre Töchter nie mehr zu verstümmeln. Und wenn dann erst die Traditi- onshüter vor den Menschen stehen, die ihre Autoritat anerkennen, wenn sie erklären, es sei vorbei, niemand brauche mehr seine Töchter be- schneiden zu lassen, dann gilt die neue Norm der körperlichen Unver- letzlichkeit der Frau. << 1 UNICEF Global Databases 2014 2 Changing a Harmful Social Convention: Female genital mutilation/cutting. Florenz. 2005 (www.unicef- irc.org/ publications/pdf/fgm.pdf) 3 UNFPA/UNICEF, Summary Report of Phase I, 2008-2013, p. 39 4 DHS Senegal, 2012-2013. Final Report Continuous. Rockville, Maryland, USA, March 2014, p.99 5 Die Ziele werden als „overly ambitious“ bezeichnet, wurden also verfehlt. (« Joint Evaluation. UNFPA- UNICEF Joint Programme On FGM 2008-2012 », Chap.4.1. Conclusion 1, p. 63) N.Y. Septembre 2013 6 DHS Benin 2006, Tabelle 11.3 7 Ebda, Tabelle 11.1 Detmar Hönle ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins (I)NTACT und wurde für den Einsatz für ein Ende der weiblichen Genitalverstümmelung mit dem Bundesver- dienstkreut ausge- zeichnet. missio magazin 2/201537

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