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missio_ebooks_03_2014

Dr. Ruth Pfau, 84: „Ich bin nach wie vor überzeugt: Das letzte Wort wird Liebe sein. Vielleicht täusche ich mich? Dann habe ich eben Pech gehabt. “ HINWEIS Ruth Pfau ist am Diens- tag, 6. Mai 2014 Gast von missio in München und wird ihr Buch vorstellen. Die Veran- staltung beginnt um 19 Uhr im Saal der Katholischen Hoch- schulgemeinde der Technischen Universität München, Karlstr. 32 Anmeldung erbeten bei Bettina Klubach, Tel.: 089-5162-611, b.klubach@missio.de missio magazin 3/201408 >> Die Geschichte der Massen- vergewaltigung einer indischen Stu- dentin hat im vergangenen Jahr die Weltöffentlichkeit bewegt. Ihr Tod hat die Menschen in Indien auf die Straße gebracht. Drei der Verge- waltiger wurden jetzt von einem Gericht zum Tod verurteilt. Und die Reaktion der Mutter: „Mit die- ser Strafe hat sich das Leben meiner Tochter wenigstens gelohnt.“ Hat es das wirklich? So sehr zu begrüßen ist, dass solche immer wie- der totgeschwiegenen und folgen- losen Verbrechen jetzt vor Gericht gezogen und bestraft werden - mein Verständnis von einem Leben, das sich lohnt, ist das nicht. Sinn ist nicht von dem Gefühl der Rache her zu definieren. Und was heißt hier „Sinn“? Kann man das Leid wirklich besiegen? Kann man das Böse durch Rache ausrotten? Kann man allem einen tieferen Sinn geben? Oder steht am Ende eine große Dunkel- heit? Ich bin in der Zwischenzeit überzeugt: Leid ist eine Grund- struktur des Lebens. Leben ist so. Leiden, Dunkelheit gehören zu un- serem Leben. Ich habe heute, im Alter, einen anderen Blick auf das Leben. Vielleicht sehe ich heute klarer. Und ich finde es wichtig, auch wirklich zu „sehen“. Nichts zu übertünchen. Das Leben so wahr- zunehmen, wie es wirklich ist. Es ist nicht so, wie wir es uns er- träumen oder wünschen. Oder so, wie die Medien es uns vorgaukeln. Oder die Konsumindustrie. (...) Wenn ich über die Station un- seres Krankenhauses gehe, im Außendienst eine Familie besuche und den Menschen in ihrem offen- sichtlichen Leid und Schmerz be- gegne, wenn ich ihren Geschichten zuhöre, ihre Tränen aushalte, sie umarme und von ihnen umarmt werde, dann erfahre ich in aller Dunkelheit – Sinn. Sinn passiert nicht nur im „Nahbereich“, also in der Umgebung, auf die ich unmit- telbar Einfluss nehmen kann. Aber hier kann er leichter wahrgenom- men werden. (...) Wenn etwas den Menschen gut tut, dann ist es auch „sinnvoll“. Da- ran festzuhalten, dass das wirklich „Sinn“ ist, das ist eine trotzige Ent- scheidung. Ich weiß es: Das Leben ist nie ein auf Dauer leidfreier Zu- stand. Und die Vision von einer leidfreien Gesellschaft, wie sie in Deutschland verbreitet ist, stimmt nicht. Weder in Deutschland noch in Pakistan. Wer sich auf den Stand- punkt stellt, Leiden hat keinen Sinn - der wird erfahren müssen, dass sich dann das Leben nicht lohnt. Das gilt nicht nur für das Leben jedes Einzel- nen, in dem Liebe und Leid untrenn- bar miteinander verknüpft sind. Es gilt auch für das Leben auf unserem Globus, das doch weithin von Leid, von Krankheit, Armut, Ausbeutung, Hunger, Elend, von konkreter und struktureller Gewalt bestimmt ist. Es geht nicht nur um den Erfolg, sondern darum, Mensch zu bleiben. George Orwell sagt: „Wenn du fühlst, dass es sich lohnt, Mensch zu bleiben, auch wenn da- mit absolut nichts zu errei- chen ist, dann hast du sie besiegt.“ Was „macht“ denn Sinn? Ich glaube: Etwas tun, was gegen die Dunkelheiten der stichwort sinn SINN zur person> Eigentlich war Ruth Pfau nur auf der Durchreise nach Indien, als sie 1960 in Pakistan ankam. Doch es gab Pro- bleme mit dem Visum, sodass sie vorläufig in Karachi bleiben musste. Sie ging durch die Stadt und ent- deckte Menschen, die es offiziell gar nicht gab: Menschen, die an Lepra erkrankt waren, und denen niemand half. Ruth Pfau beschloss zu bleiben. Sie eröffnete das „Mary Adelaide Leprosy Center“ (MALC) und trug maßgeblich zum Aufbau des Lepra- und TB-Kontrollprogramms der pakis- tanischen Regierung bei. Inzwischen hat Ruth Pfau das Tagesgeschäft am MALC in jüngere Hände übergeben, doch die engagierte Ärztin und Ordensfrau bleibt weiterhin aktiv. Anfang 2014 ist im Her- der-Verlag ihr Buch „Leben ist anders“ erschienen. Darin blickt sie zurück auf ihr beeindruckendes Lebenswerk. Unter dem Stichwort SINN erscheint im „missio magazin“ ein Auszug aus dem Buch.

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