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missio_ebooks_03_2014

Die Dunkelheit sehen wir. Der Sinn wird geglaubt. Und ich bin nach wie vor über- zeugt: Das letzte Wort wird Liebe sein. Wenn ich daran nicht glauben könnte, stünde meine geistige Ge- sundheit auf dem Spiel – stünde mein Leben auf dem Spiel. Viel- leicht täusche ich mich? Das ist möglich. Natürlich. Wer kann das mit absoluter Sicherheit denn sa- gen? Und wenn dem so wäre? Dann habe ich eben Pech gehabt. Aber wäre damit auch die Liebe ent- wertet, die wir uns geschenkt haben? Nein! Die Liebe nicht und nicht die Nähe und das Mitgefühl, das uns verbin- det. Und auch nicht die kleinen Gesten, selbst wenn sie nichts bewirken, nicht die Hilfe, die wir einander gewährt haben, um das Leben ertragbarer zu machen. Und deshalb mache ich weiter. << Dieser Beitrag wurde redaktionell bearbeitet und gekürzt. längst die Konsequenzen gezogen. Denn ein Leben, das sich nicht lohnt, lohnt sich auch nicht, gelebt zu werden. Mein Glaube, meine Hoffnung, meine Entscheidung, sie sind trot- zig. Ich halte sie fest, obwohl so viel dagegen spricht. Mein Glaube an den Sinn ist ein Glaube „trotz allem“. (...) Ein Leprapatient aus dem Be- hindertenheim, der mir sehr nahe- stand, ist hier gestorben. Sein Ster- ben hat sich über Wochen hingezo- gen. Sonst ist bei Kranken jemand aus der Familie, den man dann in- struieren kann: Tee löffelweise, oder ähnlich. Er hatte niemanden. Wir haben nachts auch nur eine Wache für alle drei Stationen. Ulli, eine Frau aus Österreich, die in dieser Zeit hier war, hat sich 24 Stunden an sein Bett gesetzt, bis er gestorben ist. Oder die Mutter, deren Sohn Selbstmord beging. Ich bin froh, dass ich die Frau, die ich nicht kann- te, nach dem Trauergottesdienst noch gefunden habe, einfach um ihr meine Nähe zu zeigen. Das Leben bürdet Lasten auf. Die Einsamkeit wird größer, wenn man sich der Wirklichkeit aussetzt. Wenn Sinn nicht sichtbar oder er- fahrbar ist. Ja, das Leben ist grau- sam, es ist dunkel und voller Leid. Ja, ich finde es unnachvollziehbar, wie Gott die Welt so eingerichtet hat, wie wir sie erleben. Ja, ich finde es schmerzlich, dass Er sich mir heute so sehr entzogen hat. Ich stel- le mich trotzdem auf den Stand- punkt: Das Leben kann nicht unsin- nig sein. Ich verstehe es nur nicht. Wirklichkeit und gegen alle noch so starken Interessen und Mächte ein Zeichen der Menschlichkeit setzt: Nicht nur in den großen Entwürfen und politischen Utopien und den Reformen, die wir auch anpacken müssen. Sondern auch in den klei- nen Gesten, in Tränen, die wir ge- meinsam weinen, in ganz einfachen Worten. Etwas tun, nicht irgend- wann, sondern jetzt. Ich erinnere mich an einen be- wusstlosen Leprapatienten, bei dem ich die Vene nicht finden konnte. Ich rief einen befreundeten Chirur- gen an, der mir nie eine Bitte abge- schlagen hat, und bat ihn, mir zu helfen. Der kam auch und er hat die Vene gefunden. Aber er hat unsteri- le Instrumente verwendet. Als ich das bemerkte und ihn zur Rede stell- te: „Warum tust du mir das an? Ich hatte dir die sterilen Instrumente doch fertiggemacht.“ Da antwortete er: „Es lohnte sich nicht. Der stirbt sowieso!“ Dieser Patient von damals hat inzwischen geheiratet und seine Frau hat ihm sechs Kinder ge- schenkt. Und er lebt heute noch. Zu sagen, „es lohnt sich“, sein Leben einzusetzen, es ist umsonst, auch wenn man in äußeren Kate- gorien „nichts erreicht“, das ist eine Entscheidung. Eine bewusste Wil- lensentscheidung. Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass das Leben letzt- lich getragen wäre von einer größe- ren Liebe – es würde sich für mich nicht lohnen. Ich habe mich für diese Sicht entschieden. Es ist eine bewusste Entscheidung, die ich durchtrage. Nicht nur für mich, son- dern auch für andere. Sonst hätte ich missio magazin 3/2014 09 missio Redaktion „missio magazin“ Pettenkoferstraße 26-28 80336 München redaktion@missio.de Hat es sich gelohnt? Diese Frage stellt sich Ruth Pfau nach mehr als 50 Jahren Arbeit in Pakistan. Was denken Sie? Wenn Sie möchten, schreiben Sie uns! stichwort sinn ? Unermüdlich: Ruth Pfau, Ärztin in Pakistan. Fotos:DAHW(4),Herder

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