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missio_ebooks_04_2012

missio magazin 4/201244 Hinter dem Bücher- stapel des Gelehrten: Der Journalist, Publizist und Nahost- experte Peter Scholl- Latour, 88, hat die öffentliche Wahrneh- mung des politischen Geschehens im Nahen Osten über Jahrzehnte maßgeblich geprägt. Hier mit dem Sprecher des Großayatollahs Ali al-Sistani, Scheich Mahdi Kerbalai´e in Nadschaf. AUSSENANSICHT: PETER SCHOLL-LATOUR Der Dominikaner Amir Jaje aus Bagdad sagte kürzlich, in Bagdad sei das Leben in jüngster Zeit ruhiger, da der Kampf zwischen Sunniten und Schiiten, im Grunde also zwischen Iran und Saudiarabien nun auf syrischem Boden ausgetragen wird. Wie schätzen Sie das ein? >> Das ist völlig richtig. Im Grunde ist nicht Syrien der Ein- satz, sondern es geht den Amerikanern und ihren saudi- schen Verbündeten darum, eine schiitische Brücke, die dann von der afghanischen Grenze bis zum Mittelmeer rei- chen würde, zu unterbrechen und eine Machtstellung Irans zu verhindern. Man darf nicht vergessen, dass die stärkste militärische und politische Kraft im Libanon die Hisbollah ist, auch wenn sie nicht den Premieminister stellt. Anderer- seits gibt es auf amerikanischer Seite die Befürchtung, dass der Iran, wenn er in der Lage wäre, mithilfe der schiitischen Mehrheit im Irak und mit Hilfe der Schiiten, die ausgerech- net dort in Saudi-Arabien leben, wo die Ölfelder sind, Kon- trolle über die reichsten Erdölvorkommen des Nahen Ostens zu bekommen, dass dann eben ihre Machtposition und auch ihre wirtschaftliche Position bedroht ist. In der Regierung sind Machtkämpfe an der Tages- ordnung, in den Straßen gibt es zunehmend wieder Anschläge. Welche Rolle kann eine quietistische (Zurückgezogenheit) und liberale Geistlichkeit, wie wir sie in Nadschaf erlebt haben, als Vermittler spielen? >> Ich war sehr überrascht über das Ausmaß des Quietis- mus. Ich weiß nicht wie lange das gut gehen kann mit der Kontrolle der Gruppe um den Großayatollah Sistani, der in keiner Weise in die Fußstapfen von Khomeini treten will, sondern sich aus diesen Kämpfen heraushalten will. Die Geistlichen haben ja gesagt, dass sie in keinem Fall Gewalt anwenden wollen. Es ist schwer abzuschätzen wie lange die Menschen ruhig halten werden. Es gibt ja daneben die Clans um Muktar al-Sadr, der eine Anhängerschaft hat, nicht nur in den riesigen Elendsvierteln von Sadr-City im Herzen von Bagdad, sondern auch unter der jungen Bevölkerung und unter armen Leuten. Die Beziehungen zwischen Sistani und Maliki (irak. Premierminister; Anm. d. Red.) sind außerordentlich gespannt. Sistani hat sich geweigert, Maliki zu empfangen. Das sind alles Zeichen dafür, dass man die Allmacht der Geistlichkeit von Nad- schaf auch nicht überschätzen soll. Die Geistlichen haben ja selbst betont, dass sie gerin- geren Einfluss auf die Politik haben als ihnen lieb ist. Wie ist diese Aussage zu bewerten? >> Ganz genau kann ich mir das auch nicht erklären: Viel- leicht wird uns hier etwas verheimlicht. Die Geheimhal- tung hat bei den Schiiten ja eine lange Tradition. Aller- dings ist die Beteuerung, man hätte wenig Einfluss, nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Immerhin war es ja Großayatollah Sistani, der dazu aufgerufen hatte, zu den Wahlen zu gehen und schiitisch zu wählen. Die Schiiten haben die Mehrheit im Palament, aber waren gezwun- gen, Muktar al-Sadr mit in die Koalition zu nehmen. Und der Premierminister ist vielleicht ein frommer Schiit, aber nicht so gefügig wie erhofft. Die Geistlichkeit von Nadschaf hat zum Dialog der Reli- gionen und Kulturen eingeladen. Wie war Ihr Eindruck? >> Ich habe den Eindruck, dass wir es tatsächlich mit einer Gerontokratie (Herrschaft der Älteren) zu tun haben. Das waren alles hochbetagte Leute, die sehr friedfertig aufge- treten sind. Da gibt es schon in Kerbala ganz andere Stim- men wie etwa Ayatollah Modarresi. Er sagt, dass der wirk- liche Kampf zwischen Sunniten und Schiiten noch nicht ausgetragen ist, eine Ansicht, die ich teile. Man hat es ja schon bei dieser Reise gemerkt: Wir sind unter Sicherheits- vorkehrungen gereist, die ich bei früheren Besuchen des Iraks nie in Anspruch genommen habe. Es ist ein Macht- kampf zwischen Saudi-Arabien und Iran, der auf uralte Zei- ten zurück geht. Die Wahabiten sind schon vor 150 Jahren in Nadschaf und Kerbala eingefallen und haben dort die schiitischen Heiligtümer zerstört. Das ist eine Todfeind- schaft. Die Schwäche in der westlichen Position ist, dass man sehr unterschiedlich und heuchlerisch in der Bewer- tung vorgeht: Bahrain etwa ist 70 Prozent schiitisch, dort wird die Bevölkerung blutig unterdrückt, dort sind die Sau- dis einmarschiert, die von Deutschen Leo-Panzer gelie- fert bekommen, was ja auch nicht einer Friedenspolitik der Bundesregierung entsprechen sollte. Über Bahrain erregt sich niemand. Die Situation ist mindestens so schlimm, hat nur kleinere Ausmaße als in Syrien. Nach dem Abzug der Amerikaner kommt das Land nicht auf die Beine. Im Irak herrschen Zustände, die der Großteil der Syrer für ihr eigenes Land, das politisch auf der Kippe steht, fürchtet. >> Es ist ein fundamentaler Irrtum des Westens, der wei- terhin glaubt, oder zumindest zu glauben vorgibt, die übri- ge Welt wolle sich auf Demokratisierung, Meinungsfreiheit und Parlamentarismus einlassen. Der Irak mit seinen Stam- mestraditionen ist ein Land, das eine starke Hand braucht: einen wohlwollenden Despoten, der wirtschaftlichen Fort- schritt und Modernisierungen bringt. Interview: Barbara Brustlein 38-45_Irak_12-4!.qxd:38-45_Irak_12-4 29.05.2012 12:52 Uhr Seite 44

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