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missio_ebooks_06_2012

missio magazin 6/201210 nachgefragt bei ... Herr Pfarrer Schmidt, wie dürfen wir uns Ihre Arbeit im Hafen von Singapur vorstellen? >> Im Schnitt treffen dort 1000 bis 1500 Schiffe pro Tag ein. Etwa 500 legen zum Be- und Entladen an. Die anderen bleiben im Hafen- becken liegen. Zu denen fahren wir raus, klettern auf der Strickleiter hoch, bringen zum Beispiel Zeitun- gen und Telefonkarten an Bord. << Und wer an Land geht, kann direkt zu Ihnen in die Seemanns- mission gehen? >> Ja, unsere Räume liegen gleich über der Einwanderungsbehörde. Aber die Verweildauer im Hafen wird immer kürzer. Früher dauer- te es Wochen, bis der Kaffee vom Schiff abgeladen war, heute nur noch ein paar Stunden. Dadurch haben die Seeleute viel weniger freie Zeit, bis sie wieder zurück an Bord sein müssen. << Eine Weile war viel von Überfäl- len durch Piraten zu hören. Ist das immer noch so, oder hat sich die Bedrohung gelegt? >> Zur Zeit ist es etwas ruhiger geworden. Aber es besteht immer noch ein sehr hohes Risiko, überfal- len zu werden. Für Seeleute gehört die Gefahr für Leib und Leben fast schon zum Berufsbild dazu. Mitt- lerweile haben wir 5000 Seeleute, die angegriffen oder entführt wor- den sind. Viele leiden am posttrau- matischen Syndrom, das hervorge- rufen wird durch Angst und Hilf- losigkeit. Wenn man mit ihnen spricht, sagen die Seeleute oft nur: „That’s seamen’s life“ – So ist das Leben eines Seemanns. << Wie erleben Sie Singapur, das für seine strengen Gesetze bekannt ist? >> In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Singapur möchte Sein Arbeitsplatz liegt im größten Containerhafen der Welt: Christian Schmidt leitet die evangelische Seemanns m aus vielen verschiedenen Ländern. Die Angst vor Überfällen und der Kampf gegen unmenschliche Arbeitsbe d attraktiv sein für vermögende Men- schen weltweit. Man könnte sagen: „Das Geld spricht“. Gerade wurden wieder zwei neue Casinos gebaut. Was Singapur außerdem sehr toll geschafft hat: Jeder Einwohner hat eine eigene Wohnung; das sind nor- mierte Gebäude, die der Staat gebaut hat, so ähnlich wie der Plat- tenbau in der DDR. Alle Dörfer und Slums hat man dafür abreißen lassen, jetzt wohnt so gut wie jeder in solchen staatlichen Wohnungen. Und die Wohnung gehört den Menschen selbst. << Profitieren Sie auch selbst davon? >> Es gibt in der ganzen Stadt kei- ne „Scherbenviertel“. Die gefühlte Sicherheit ist sehr hoch, und unsere beiden Kinder – sie sind 14 und 13 Jahre alt – können sich völlig frei bewegen. Sie können allein die U- Bahn nutzen, was man in Bangkok, in Kuala Lumpur oder in Hong- kong nie machen würde. << Aber? >> Das bekommt man alles nur zu einem hohen Preis. Sie müssen die völlige Überwachung ihrer Daten in Kauf nehmen. Es gibt keine Pri- vatsphäre. Der Geheimdienst kann Sie nahtlos überwachen. Man sieht zwar so gut wie überhaupt keine uniformierte Polizei, aber man kann praktisch mit niemandem ein offe- nes Gespräch führen, wie wir es jetzt gerade tun. << Trotzdem sprechen Sie ja doch recht deutlich aus, welche Proble- me es im Hafen und auf den Schif- fen gibt. >> Die größten Probleme gibt es nicht auf den großen Container- schiffen, sondern auf den kleineren Fischerbooten. Dort arbeiten für mich eigentlich die wahren See- leute. << CHRISTIAN SCHMIDT (46): „AUF DEN FISCHERBOOTEN HERRSCHEN ZUSTÄNDE WIE ZU ZEITEN DER SKLAVEREI .“ Foto:missio 10-11_nachgefragt_12-06:10-11_nachgefragt_12-06 01.10.2012 15:15 Uhr Seite 10

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