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missio_ebooks_06_2012

31 vor ort china 31 St. Xavier’s College in Kolkata sein. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg: Heute muss Pater Saju sich erst einmal darum kümmern, die Fischteiche zu leeren und den Fang im Morgengrauen auf dem Fisch- markt zu verkaufen, Steine, Sand Zement und Draht für einen Zaun zu kaufen, seinen wieder einmal ab- gestürzten Computer zur Reparatur zu bringen, den Dorfkindern Eng- lischunterricht zu geben, ihre Tanz- stunde abzuhalten, seine belgische Schülerin zu unterrichten und den Unterricht mit seinen indischen Studenten abzustimmen. Nicht zu vergessen, dass die Leute im Dorf den Priester zu sich einladen: um von ihren Sorgen zu erzählen, um ihn an ihren Feierlichkeiten teilha- ben zu lassen, um mit ihm zu essen. Eine Ein-Mann-Show, die um fünf Uhr früh beginnt und selten vor Mitternacht endet. Häuser für Dalit statt Professorenlaufbahn in Kolkata Die Show muss weitergehen, dass weiß der Tänzer besser als jeder an- dere: „Ich hätte auch am St. Xavier’s College bleiben können und die Pro- fessorenlaufbahn einschlagen“, sagt der promovierte Theologe. Und wie- der schwingt kein Bedauern in der Stimme mit, wohl aber Müdigkeit. 100 Häuser für Dalit, die Unberühr- baren der indischen Gesellschaft, hat er mithilfe von einzelnen Unterstüt- zern und durch die Einnahmen aus seinen Tanzvorführungen und Kur- sen finanziert. Und nun gilt es, Kalahrdaya, das neue Zentrum für Kunst und Kultur, zu bezahlen. Das ist die zweite Seite der Medaille, der andere Grund für die Ringe unter den Augen: Europa. „In Europa suchen die Menschen so sehr nach Spiritualität und finden wenig. Viele haben ein Bedürfnis zu tanzen und dadurch Gott zu dan- ken“, sagt er. Im Westen, bei den Sinnsuchenden, verdient er sein Geld. Mit Kursen, die mit Übungen aus Meditation, Yoga und Elemen- ten aus dem klassischen indischen Tanz den Teilnehmern seine Form des „leibhaften Betens“ nahe brin- gen. Dann, nach zwei drei Monaten des Lebens aus dem Koffer, geht es heim nach Kolkata, der Stadt seiner Wahl. Kolkata, das ist ein Moloch von 15 Millionen Menschen. Mit il- legalen Slums, in denen sich Krank- heiten wie Lepra und Tuberkulose nach wie vor ausbreiten. In dieser Stadt baut der Jesuit einen Ort, der über den täglichen Kampf ums Überleben hinausweist. Das ist das Wesen der Kunst: Den Menschen über sich selbst zu erheben hin zum Transzendenten. In Kolkata hat er oft nicht genug Zeit, um das in den Tag zu integrie- ren, was seine Kunst erfordert: Yoga und Jogging in der Früh, dann sein eigenes Training. Das Tanzen, seine große Leidenschaft, sperrt er dann in irgendeinen Ort in sich selbst und man sieht ihm sein Leiden an diesem Zustand an. Ein hinduistischer My- thos sagt: Wenn Nataraja, die tan- zende Inkarnation des Shiva, aufhört zutanzen,dannbleibtdasewigeRad stehen, dann ist das Ende der Welt gekommen. Pater Saju glaubt an die Auferstehung der Seele. Bis er die ewige Bühne betritt, tanzt er. Einen Freudentanz. << „Er berührt die Herzen der Zuschauer durch seinen ausdrucksstarken Tanz.“ „Er ist tech- nisch perfekt und seine Mimik und Gesten sind exzellent.“ „Er tanzt nicht nur zur ästhetischen Erbauung der Zuschauer, sondern für sozialen Wandel.“ „Er tanzt christliche, hindustische und soziale Themen für Frieden und Harmo- nie.“ Dies sind nur einige der Stimmen, die in indischen und internationalen Medien Pater Sajus Darbietungen kommentieren. Der 1965 im südindischen Kerala geborene und 2001 zum Priester geweihte Jesuit sieht seine Kunst als „ein wunderbares Mittel für interreligiösen Dialog“. Zusätzlich zu seinem Studium der Theologie und Philosophie hat er eine professionelle Ausbildung im klassischen indischen Tanz absolviert und über die philoso- phischen und religiösen Grundlagen des indi- schen Tanzes promoviert. Mehrfach wurde Pa- ter Saju mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Er begleitet Studenten wissenschaftlich und bildet sie in Bharata Naty- am aus: einem erdverbundenen, sehr genau- en, dynamischen Tanzstil, der barfuß getanzt wird. Der Tanzunterricht ist streng systemati- siert. Jede Schrittfolge ist gemäß dem Rhyth- mus und Maß der südindischen Musik durch- dacht. Zu Beginn seiner Ausbildung widmet sich der Tänzer dem Erlernen von Adavus, ein- zelner Tanzschritte, die nach rhytmischen Sil- ben benannt sind. Der Tanzlehrer spricht sie während des Unterrichts, während er mit ei- nem Holzstock den Rhythmus angibt. Das Aus- führen der Bewegungen in drei Tempi steht im Vordergrund sowie das Erlernen der Armhal- tung. Parallel dazu übt der Tänzer die Hand- stellungen. Ein eigener Abschnitt im Studium ist das Erlernen der Mimik, die gemeinsam mit Gesten, Körperstellungen und Bewegungen beim Zuschauer das so gennante Rasa erwe- cken: den ästhetischen Genuss. Pater Saju George bietet regelmäßig in Deutschland Kurse unter dem Titel „Mit Leib und Seele Gott erspüren“ an. Einfache Atem- übungen sowie Elemente aus Yoga und Tanz richten den Körper auf und lassen ihn sich nach Gott ausstrecken. Meditative Texte aus dem Christentum und Weisheiten indischer spiritu- eller Meister machen Gottes Gegenwart er- fahrbar. Kontakt: Marion Roppelt-Richters, m.roppelt@missio.de; Telefon: 089-5162207. Pater Saju George SJ> missio magazin 6/2012 24-31_ Kolkata_12-06_fertig7:24-31_Kalkutta_12-06_! 01.10.2012 15:54 Uhr Seite 31

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