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missio_ebooks_06_2012

... der Großkonzern „Roche“ tote Schwäne fand. >> (...) Ängste lassen sich natürlich auch hervorragend instrumenta- lisieren. Wenn du ein Volk beschäf- tigen willst, rede ihm Ängste ein. Weil auf Dauer lässt es sich mit ständigem Gebührenvergleichen und Ratespielen im Fernsehen nicht permanent paralysieren. Irgend- wann fällt ihm vielleicht doch wie- der etwas auf, was auf den ersten Blick nicht passt. Deshalb muss man es beschäftigen. Ängste funk- tionieren da hervorragend. Noch ein bisschen was Gesundheitliches eingestreut – das klappt beim Deut- schen immer. Deshalb war im letz- ten Winter auch die Pharmaindus- trie so nervös – wegen der Klima- verschiebung. Jahrelang hat es schließlich reibungslos funktio- niert: Immer, meist Ende Oktober, sindschlaueundgutgekleideteMen- schen aus der Pharmabranche ge- kommen,habeneinePressekonferenz abgehalten, fürchterlich staatstra- gend geschaut und vor irgendeiner fürchterlichen Krankheit gewarnt, die uns im Winter ins Haus stehen könnte. Aber zum Glück hätten sie prophylaktisch ein Mittel erarbeitet, das gegen diese Krankheit hilft, von der sie uns in spätestens 14 Tagen auch verraten würden, wie sie heißt. (...) So ist es auch immer zur Vor- winterzeit mit den Medikamenten. Es kamen immer schlaue Gesund- heitsexperten von der Regierung, die nichts anderes tun mussten, als die Lobbyarbeit für die Pharmaindustrie zu erledigen, deren Interessen sie ge- fälligst zu vertreten haben, schwer missio magazin 6/201234 humor urban priol BIN ICH FROH, DASS ICH NICHT DABEI WAR, ALS ... glosse > stadt an der ganz normalen Win- tergrippe, aber wir sehen schon wie- der den Untergang des Abendlandes gekommen, wenn vor Rügen ein paar erfrorene Schwäne im Eis trei- ben. (...) Die Vogelgrippe. Eine Sternstunde! Wie immer kamen Vertreter der Pharmalobby, diesmal war sie mit dem Großkonzern „Roche“ in der Schweiz im Bunde, und warnten: „Wir haben ein Mittel gegen diese ganz fürchterliche Epi- demie, die bald kommt! Und wir sind börsennotiert.“ (...) Zu Beginn des letzten Winters war alles anders. Es wurde wieder ge- warnt, aber dann kam nicht der strenge Winter, dann kam die Kli- maverschiebung. Keine Grippenvi- ren, nichts. Der November zu warm. Der Dezember zu warm. Verzweifelt wurden schon Bittbriefe nach Berlin geschrieben: „Kanzlerin, tu was!“ Zum Glück kam dann im Feb- ruar noch dieser rechtzeitig herbeigeschriebene Turbo-Magen- Darm-Virus. Dieser Nono-Nano- irgendwas ... der Todesdurchfall! „Mutti – ich muss schon wieder aufs Klo ... ich war doch gestern erst... bestell schon mal den Schrei- ner...“ Aber nach 14 Tagen war auch der Spuk vorbei, das hat für die Rendite- pläne nicht gereicht. (...) Mal sehen, was sie sich für den nächsten Winter einfallen lassen. Ein Glück, dass es den weltweiten Terror gibt. Sonst hätten wir bald überhaupt nichts mehr,womitwirdasVolkruhigstel- len könnten ... << grübelnd sind sie an Rednerpulte ge- walzt und warnten, da sei was im Anmarsch,aberdieRegierungkönne versichern, sie würde genügend Impfdosen bereitstellen, und die Ko- operation mit den Pharmaunter- nehmenliefehervorragend...dasging immer glatt. Erst Ebola. Dann der Rinderwahn. SARS... „Hilfe – ich habe gestern einen Chinesen gesehen. Wo kann ich mich impfen lassen?“ Der asiatische Todesvirus, die taiwanesische Lungenpest – für je- den war etwas dabei. Ihr Meister- stück haben sie mit der Vogelgrip- pe abgeliefert. Das war schon sagen- haft! Da wurde eine Hysterie ge- schürt. Zur Weihnachtszeit, als sich die Menschen nach den ersten Ver- dachtsfällen fragten: „Essen wir Gänsekeulen oder müssen wir Gän- se keulen?“ Was haben sie alle hysterisch in den Himmel geblickt und befürch- tet, dass irgendein verirrter Zugvo- gel auf einen Bauernhof scheißt und das gesamte Freilandgeflügel mit Influenzaviren infiziert. (...) Die Gefahr durch die Zugvögel! Im Winter. Da hab ich mich gewun- dert – sind die um die Zeit nicht schon alle weg? Die Ärzte haben das gleich geschnallt. Wehe, es kam jemand in die Praxis: „Herr Doktor, ich bin jetzt 88, ich seh so schlecht, grauer Star ...“ „Kasse?“ „Ja.“ „Dann hat das Zeit. Der Star ist ein Zugvogel, der kommt erst im März wieder. Und Sie auch – raus!“ Die Vogelgrippe – Jahr für Jahr verreckt bei uns eine mittlere Klein- Foto:AxelHess Sturmfrisur, bunte Hem- den und der Aschaffen- burger Dialekt sind die Markenzeichen von Kaba- rettist Urban Priol. Erste Auftritte auf der Bühne hatte der damals 21-Jäh- rige bereits 1982. Nach der ersten eigenen Sen- dung „alles muss raus“ auf 3sat wurde er schließlich ab 2007 durch die politische Kabarett- sendung „Neues aus der Anstalt“ im ZDF bekannt. 2007 erhielt Priol für das Format den Deutschen Fernsehpreis, 2008 wurde er für den Grimme Preis nominiert. Daneben tritt Priol regelmäßig abseits des Fernsehens auf, unter anderem auf seiner eigenen Kleinkunstbühne „Hofgarten“ in Aschaf- fenburg. Mehr auf: kulturagenten.de aus Urban Priol: Hirn ist aus. erschienen im Heyne- Verlag; 2008. 34-35_Glosse-priol:34-35_Glosse-priol 01.10.2012 15:58 Uhr Seite 34

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