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missio_ebooks_06_2012

missio magazin 6/2012 39 entgegen gehen, hat sich getäuscht. Da galt es zunächst das Problem der Existenz waffenstarrender Milizen zu lösen. Tatsächlich ist es bis heute nur rudimentär gelöst: Während die anderen Milizen offiziell einer Entwaffnung zugestimmt haben, hat sich die schiitische Hisbollah bis heute geweigert ihre Waffen abzu- liefern und soll mittlerweile mehr als 30 000 Raketen besitzen – eine Gefahr nicht nur für Israel. Die gleiche Hisbollah hat sich in den letzten Jahren aber nicht nur als militärisch potente Miliz erwiesen, sondern es auch geschafft, sich im Südlibanon in allen Sphären der Gesellschaft zu etablieren – faktisch denimpotentenlibanesischenStaatzu ersetzen - und damit ihre Machtbasis zu erweitern. Dass der libanesische Staat so impotent ist, ist seinerseits aber auch wieder dem Umstand geschuldet, dass Gruppen wie die Hisbollah, aber auch sunnitische und christliche Clans das Land als ihren Privatbesitz ansehen und sich entspre- chend verhalten. Auch Christen in der Hisbollah-Regierung Im November 2009 wurde fünf Monate nach den Parlamentswahlen und ewigen Verhandlungen zwischen den im Parlament vertretenen Grup- pierungen unter der Führung des Sunniten Fouad Siniora eine Regie- rung der Nationalen Einheit etab- liert. 15 der 30 Minister stellte die Koalition des 14. März des vormali- gen Ministerpräsidenten Saad Hariri, zehn Minister die Koalition des 8. März, fünf Minister wurden vom maronitischen Staatspräsidenten Michel Sleiman ernannt. Das beson- dere an dieser Regierung war zunächst, dass zum ersten Mal Minis- ter der Hisbollah vertreten waren. Besonders war aber auch, dass in bei- den in der Regierung vertretenen Koalitionen Christen vertreten waren. Auch wenn es auf Seiten der christlichen Politiker schon in der Vergangenheit immer ein Ränkespiel um Plätze für den eigenen Clan in der Nahe der Macht gegeben hatte, war es doch tabu, sich mit der radikalen Hisbollah einzulassen. Genau das war aber nun geschehen: Der frühere Generalstabschef und zeitweilige Ministerpräsident Michel Aoun, der nach dem Ende des Bürgerkrieges aus Angst vor der Rache Syriens für fast 15 Jahre ins Pariser Exil gegangen war, glaubte nach seiner Rückkehr in den Libanon und in die Politik nur durch die Zusammenarbeit mit der Hisbollah sein selbst gestecktes Ziel, Staatspräsident zu werden, erreichen zu können. Nach außen begründete er sein Verhalten damit, dass man nur so den Einfluss der Christen auf die Politik des Libanon sichern könnte. Viele Beobachter im Libanon sehen das aber ganz anders – sie argumen- tieren, dass der Versuch, der zahlen- mäßig ohnehin schon sehr ge- schwächten Christen, in beiden genannten Koalitionen zu agieren, zwar diesen Koalitionen helfen würde, sicher aber nicht den Chris- ten. So helfen christliche Politiker faktisch sunnitischen und schiiti- schen Politikern in ihren Auseinan- dersetzungen mit deren jeweiligen sunnitischen und schiitischen politi- schen Gegnern. Gebracht hat das den Christen als Gruppe kaum etwas: Mittlerweile stellt die von der His- bollahgeführteundvonMichelAoun unterstützte Koalition des 8. März die Regierung. Auch wenn nicht wenige christli- che Beobachter anerkennend feststel- len, dass es selten vergleichbar kom- petente und jenseits gruppenorien- tierter Interessen agierende Minister gegeben habe, wie die von der His- bollah benannten Minister, hat der Einfluss der Christen insgesamt durch die politischen Spielereien von Michel Aoun und anderen christli- chen Politikern stark abgenommen. Das zeigen etwa Entwicklungen in der staatlichen Schul- und Gesund- heitsverwaltung, die der für die Zukunft des Landes nach wie vor bedeutenden Rolle der christlichen Kirchen im Bereich des Bildungs- wesens und der Gesundheitsfürsorge nicht gerecht werden. Wichtige Posten werden häufig im Wider- spruch zum Konfessions-Proporz – Grundlage der libanesischen Politik – nicht mehr mit Christen besetzt, christliche Einrichtungen werden sukzessive von staatlichen Förder- töpfen abgekoppelt. Einfluss schwindet Dass es soweit kommen konnte, hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, dass die führende christ- liche Kirche, die maronitische Kir- che, in den letzten Jahren der Amts- führung des greisen Patriarchen Nasrallah Sfeir (*1920) den christli- chen Politikern nicht mehr die tra- ditionelle und unter den gegebenen politischen Umständen auch drin- gend notwendige Wegweisung gegeben hat. Die Wahl des neuen maronitischen Patriarchen Bechara Boutros Rai (*1940) am 15. März 2011 kann da fast als Hoffnungs- schimmer im letzten Augenblick erscheinen. Denn die Herausforde- rungen, denen sich der Libanon und seine christliche Bevölkerung – fak- tisch schon lange Minderheit – gegenübersehen, sind vor allem vor dem Hintergrund des Syrienkon- flikts nicht kleiner, sondern größer geworden. << O. Oehring Otmar Oehring leitet die Fachstelle Menschenrechte bei missio in Aachen. im vordergrund christen im libanon Foto:fotolia,missio 38-39_Im-Vorder_12-06:38-39_Im-Vorder_12-06 01.10.2012 16:03 Uhr Seite 39

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